App-Gefragt: Entwickler-Interview mit den Machern von AppAnnie

Martin Reitbauer 14. Februar 2016 0 Kommentar(e)

Der im Jahr 2010 gegründete Analyse-Dienst „App Annie“ mit Sitz in San Francisco beschäftigt über 400 Mitarbeiter in 15 Büros weltweit. Die Firma sammelt Daten über die weltweite App-Wirtschaft wie App-Downloads und Schätzungen zu Umsätzen. Ihre Kunden sind App-Hersteller, die Informationen für Ihre Produkt- und Marketingstrategie brauchen. Wir haben Martje H. Abeldt, den Gebietsleiter für Mitteleuropa, zum Interview gebeten.

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Welche neuen Trends sehen Sie für Apps im Jahr 2016?

Martje Abeldt: App Annie hat einen Bericht mit Prognosen für 2016 veröffentlicht, in dem die zehn großen Trends für 2016 beschrieben werden. Für die Entwicklung in 2016 erwarten wir, dass sich die Monetarisierungs-Modelle weiterentwickeln: Für Publisher erkennen wir, dass es mehr und mehr neue Wege gibt, mit denen sie ihre Einnahmen steigern können. Das sind zum Beispiel neue Abo-Modelle wie Tinder Plus oder Youtube Red, genauso wie eSport für Handyspiele.

Außerdem wird eine wachsende Nachfrage nach neuen Geräten wie Apple TV oder Apple Watch sowie nach Augmented-Virtual Reality neue Möglichkeiten für Unternehmen schaffen, die User-Experience zu verändern und zu erweitern.

Wie groß ist der deutsche App-Markt in Bezug auf die Bruttojahreseinnahmen und wie stark wächst er?

Martje Abeldt: Der deutsche App-Markt ist der zweitgrößte in Europa, sowohl was die Einnahmen betrifft als auch bei den Downloads – kurz hinter UK. Er ist der siebtgrößte Markt der Welt, wenn man den Google Play- und iOS-Umsatz zusammenzählt, der um rund 5 Prozent im Jahr 2015 wuchs.

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Wie verdienen die erfolgreichsten Apps in Deutschland derzeit ihr Geld?

Martje Abeldt: Fast 95 Prozent des iOS- und Google Play-Umsatzes in Deutschland stammt aus den In-App-Käufen. Die Kategorie Spiele sorgt mit Abstand für den stärksten Umsatz im App Store. Das liegt auch daran, dass App-Entwickler ihren Usern die Chance geben, zusätzliche Inhalte oder virtuelle Gegenstände wie etwa den Geschwindigkeits-Beschleuniger zu erwerben. In den vergangenen Jahren konnten wir aber auch eine positive Entwicklung der In-App-Einkäufe in weiteren App-Kategorien beobachten. Das Abonnieren (Subskriptionsmodell) von Content und Funktionalitäten hat mit Apps wie Spotify, LOVOO oder Freeletics enorm zugelegt; sie bieten ihre In-App-Käufe auch im Abo-Modus.

Selbstverständlich bleibt Werbung, insbesondere für kostenlose Apps, ein wichtiger Bestandteil der Umsatzgenerierung. Wir haben festgestellt, dass Video-Werbung vor allem für bekannte Publisher besonders effektiv ist, um Einnahmen zu erzielen.

Wie messen Sie die geschätzten Umsätze?

Martje Abeldt: Um Download- und Umsatzschätzungen generieren zu können, analysiert App Annie die tagesaktuellen App-Rankings in allen Ländern und Kategorien und kombiniert diese mit anonymisierten und aggregierten Transaktionsdaten aus unserem kostenlosen Produkt App Analytics. Unsere innovative statistische Modellierung und das effektive Benchmarking erzeugen gute Samples (Stichproben). Daraus können genaue Umsatz- und Download-Schätzungen gewonnen werden. Bitte beachten Sie, dass wir immer Schätzungen zur Verfügung stellen und es sich nie um die tatsächlichen Daten eines Entwicklers handelt.

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Einem App Annie-Report von 2015 zufolge überstieg der Google Play-Umsatz den iOS-Umsatz in Deutschland das erste Mal. Ist der Grund dafür nur die Zunahme der Nutzerzahl oder ist es ein Zeichen dafür, dass App-Nutzer sich langsam damit anfreunden, für App-Services zu bezahlen?

Martje Abeldt: Im Januar 2015 überschritten die Google Play-Einnahmen den iOS-Umsatz um rund 15 Prozent in Deutschland. Im Laufe des Jahres weitete sich die Lücke immer weiter aus – im Dezember war der Google Play-Umsatz etwa 30 Prozent höher als der von iOS in Deutschland. Diese Entwicklung unterscheidet sich völlig von derjenigen, die wir auf weltweiter Ebene beobachten. Dort übersteigt der iOS-Umsatz den Umsatz von Google Play deutlich.

Die größere Nutzerbasis ist auf jeden Fall ein wichtiger Grund für die höheren Google Play-Einnahmen in Deutschland. Trotzdem haben wir bei beiden App Stores eine erhöhte Ausgabebereitschaft bei den Nutzern beobachtet, besonders dort, wo mobile Geräte das Business in den unterschiedlichsten Branchen unterstützen. Durch die Nutzung von bezahlten Diensten über das Smartphone, wie zum Beispiel Musikstreaming-Dienste, Video, Dating oder Taxis, gewöhnen sich immer mehr Menschen an die Nutzung mobiler Geräte.

Wie schlagen sich App Entwickler im deutschsprachigen Raum im Vergleich zu den Global Players?

Martje Abeldt: Deutschland verfügt über eine große Zahl an Herausgebern, die sich im weltweiten Markt gut schlägt. Spieleentwickler wie Goodgame Studios, Wooga, InnoGames und flaregames verzeichnen große Erfolge. SoundCloud ist stark im Musikstreaming und Lovoo im Bereich der mobilen Dating-Apps vertreten. Große Medienhäuser wie die Bertelsmann Group, ProsiebenSat1 Media und Axel Springer haben ebenfalls einige sehr erfolgreiche Apps entwickelt.
Entsprechend der Natur des App-Markts gibt es allerdings in Übersee viel Konkurrenz. Die amerikanischen ­Plattformen entwickeln ihre Services ununterbrochen weiter. Kürzlich wurden wir auch auf die sehr erfolgreichen chinesischen Entwickler aufmerksam, die beginnen auf globaler Ebene vor allem im Bereich Spiele, Sicherheit und Optimierungs-Anwendungen mitzuspielen. Es wird auf jeden Fall interessant werden, wie sich der Wettbewerb im Laufe des Jahres entwickelt und wie deutsche Entwickler ihren lokalen Erfolg weitertreiben. Sie werden künftig immer stärker global agieren.

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Sie haben vor kurzem den “Usage Intelligence Service” gestartet – um was handelt es sich dabei und wie bekommen Sie die Daten?

Martje Abeldt: Unser Service „Usage Intelligence“ hilft uns, zusätzlich zu den Informationen über Umsatz und Downloads, herauszufinden, wie eine App genutzt wird. Mit App Annie „Usage Intelligence“ können Interessierte wertvolle Daten über die aktiven Nutzer der Apps gewinnen, beispielsweise Daten zur Häufigkeit und Dauer der Nutzung, Penetration der Downloads, Open Rates etc. Dieser Service hilft App-Entwicklern, die Nutzung ihrer Apps mit der Konkurrenz zu vergleichen.

Was sind die auffälligsten Unterschiede in der Nutzung von Apps auf der ganzen Welt?

Martje Abeldt: Trotz der globalen Reichweite der App-Märkte, sehen wir starke regionale Unterschiede beim Einsatz der Apps.

Zum Beispiel werden Messaging-Anwendungen in der Asien-Pazifik- Region intensiver und extensiver als in irgendeiner anderen Region genutzt. Die beliebtesten Apps in dieser Region wie beispielsweise LINE, WeChat und KakaoTalk, haben sich zu Service-Plattformen entwickelt, die Spiele, Taxibuchungen, Offline-Bezahlungen und vieles mehr bieten.

Außerdem sehen wir, dass Mobile-Commerce in Schwellenländern wie Mexiko, Türkei und Indonesien schnell an Bedeutung gewinnt. In vielen Fällen, haben diese Märkte die Desktop-Anwendungen übersprungen und sind direkt zur mobilen Anwendungen übergegangen. Eine große Zahl an Erst-Nutzern des Internets hat begonnen, Überweisungen über ihr mobiles Gerät zu tätigen. Dies ist der Grund, weshalb mobile Lösungen für Firmen, die diese Länder ansprechen wollen, so wichtig sind.

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Martin Reitbauer   Chefredakteur

Als Chefredakteur von Android Magazin und der Plattform-agnostischen Zeitschrift SMARTPHONE ist Martin hauptsächlich mit den Print-Magazinen des Verlags hinter androidmag.de beschäftigt. Ab und an bleibt dennoch Zeit für einen Blog-Artikel. Neben Android gilt seine Begeisterung GNU/Linux und freier Software ganz allgemein.

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