Kommentar: Hat Google mit der Übernahme von Motorola einen Fehler gemacht?

Daniel Kuhn 6. Mai 2013 0 Kommentar(e)

Google hatte Motorola vor 2 Jahren hauptsächlich wegen des Patentfuhrparks übernommen. Nun stellt sich raus, dass der Wert dieser Patente überschätzt wurde, was die Fragen aufwirft, ob Google mit dem Deal einen Fehler begangen hat und wie es mit Motorola weitergehen wird.

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Als Google vor fast zwei Jahren bekannt gegeben hat, die Mobilfunksparte von Motorola für stolze 12,5 Milliarden Dollar zu übernehmen, wurden als Grund hauptsächlich die Patente angeführt, mit Hilfe derer Android gegen zunehmende Klagen seitens Apple geschützt werden sollte. In einem Patentstreit mit Microsoft, wurde der Wert der Motorola-Patente nun deutlich unter dem geschätzten Wert eingestuft.

In besagtem Prozess ging es um Patente für WLAN-Standards und Video-encoding-Technologien, die Microsoft in Windows 7 und der Xbox 360 verwendet hat. Dabei handelt es sich um sogenannte FRAND-Patente (Fair, Reasonable And Non-Discriminatory), bei denen essentielle Technologien zu einfachen und fairen Lizenzgebühren verwendet werden können, um die Verbreitung eines Standards nicht zu gefährden. Motorola hatte 3,9 Milliarden Dollar Lizenzgebühr pro Jahr von Microsoft verlangt, was dem Konzern aus Redmond allerdings zu hoch erschien, weshalb Einspruch eingelegt und der Fall vor Gericht getragen wurde. Der zuständige Richter hat den Betrag daraufhin auf lediglich 1,7 Millionen Dollar jährlich festgelegt. Dies ist aber nur der größte Prozess dieser Art gewesen – weitere derartige Prozesse auf der ganzen Welt wurden bereits auf ähnliche Weise entschieden.

Gegenüber The Verge hat ein Beobachter des Prozesses Motorola vs. Microsoft erklärt, dass „diese Urteile zeigen, dass das Patent Portfolio nicht annähernd so viel wert sei, wie Google ursprünglich dachte“, genauer gesagt seien sie sogar weitestgehend wertlos.

Ursachenforschung

Wie konnte es aber zu einer derartigen Fehleinschätzung Seitens Google kommen? Allem Anschein nach ist der ehemalige Android-Kopf Andy Rubin nicht ganz unschuldig daran, der die treibende Kraft hinter dem Deal war. Er stand absolut hinter der Übernahme und war der Meinung, dass diese wichtig für Google sei. Als Dennis Woodside als neuer Motorola CEO begann sich die Details anzusehen, konnte er nicht sehen, was Andy Rubin in Motorola gesehen hat, was am Ende sogar ein wichtiger Grund für den Rücktritt Rubins als Android-Chef gewesen sein soll.

Nun hat Google also die Mobilfunksparte von Motorola in der Garage stehen, die in mehrerlei Hinsicht zur Last wird. Als Schutz für Android vor Apple und anderen Angreifern ist Motorola nutzlos und auch finanziell fährt Motorola schon seit Jahren keinen Gewinn ein – die Smartphones und Tablets der letzten Jahre waren überwiegend enttäuschend und mehrere Schritte hinter der Konkurrenz zurück. Was macht Google nun also mit diesem immobilen Klotz am Bein? Die einfachste Methode wäre wahrscheinlich ein Weiterverkauf, allerdings dürfte der Wert von Motorola inzwischen ein ganzes Stück gesunken sein.

Google muss Motorola also dringend wieder fahrtüchtig machen. Zwar hatten kurz nach der Übernahme alle Google-Mitarbeiter Mantra-artig beschworen, dass Motorola von Google nicht bevorzugt behandelt wird, nun scheint es aber wahrscheinlicher als je zuvor, dass diese Philosophie nun noch mal kräftig überarbeitet wird.

Nach der Übernahme hatte Google bereits begonnen, Einfluss auf die Ausrichtung von Motorola zu nehmen und nicht nur den CEO Sanjay Jha gegen den ehemaligen Google-Mitarbeiter Dennis Woodside auszutauschen und die in der Pipeline befindlichen Geräte zu inspizieren und teilweise auch auszusortieren, da diese einen Wow-Effekt vermissen ließen. Diese Einflussnahme wird nun sicher noch weiter verstärkt und die Qualität der kommenden Smartphones soll nach Aussage von Eric Schmidt und anderen hochrangigen Google-Mitarbeitern deutlich gesteigert werden. Dass ein paar spannende Smartphones allerdings ausreichen, Motorola schnell wieder in profitable Gefilde segeln zu lassen, darf angezweifelt werden – Hier wird Google nun wohl auf eine längerfristig angelegte Strategie setzen müssen. Hier wird es allerdings schwierig für Google, denn je stärker Motorola bevorzugt wird, desto schneller dürfte das Unternehmen Profit abwerfen, allerdings muss Google dabei gleichzeitig stark aufpassen, dass sich die übrigen Hersteller von Android Hardware nicht benachteiligt fühlen. Bei der ständig steigenden Auswahl mobiler Betriebssysteme wäre es für Hersteller wie Samsung oder LG nicht schwierig in wenigen Jahren auf ein anderes Pferd umzusatteln.

X Phone als Retter in der Not?

Mit dem sagenumwobenen Motorola X Phone, das eventuell auf der Google I/O vorgestellt werden könnte, soll Motorola dem Kurs der aktuellen Nexus-Flotte folgen und sehr gute Hardware zu einem günstigen Preis anbieten. Motorolas künftige Smartphone-Kollektion wird mit großer Sicherheit ein ähnliches Konzept verfolgen – durch Motorola-Smartphones die en sehr gutes Preisleistungsverhältnis aufweisen, könnte nun der erwartete Preisrutsch, der eigentlich schon durch Nexus 7 und Nexus 4 ausgelöst werden sollte, in der Industrie ankommen, wenn die Konkurrenz versucht dem etwas entgegen zu setzen. Für den Endkunden hätte dies natürlich den positiven Nebeneffekt, dass wirklich gute Smartphones nicht mehr ein Luxusprodukt sind.

Fazit

Wenn Smartphones von Motorola allerdings für niedrige Preise angeboten werden, geht damit auch eine niedrigere Gewinnspanne einher, vor allem da Motorola nicht über eine deutlich kleineres Netz an eigenen Zuliefererbetrieben verfügt als zum Beispiel Samsung oder LG und daher viele Bauteile teurer von externen Anbietern einkaufen muss. Selbst wenn dies nicht der Fall wäre und die verkauften Motorola-Smartphones Gewinn abwerfen würden, dürfte es lange Zeit dauern, bis Motorola wieder schwarze Zahlen schreibt und sich als 12,5 Milliarden Dollar-Anschaffung für Google lohnt. Zum jetzigen Zeitpunkt muss man also sagen, dass der Deal ein Fehler von Google war, was es vor allem in naher Zukunft sehr spannend macht, was Google unternehmen wird, um das Blatt zu wenden.

via 9to5google

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