Report: Wettstreit der Foto-Giganten – 3 Kamera-Flaggschiffe im Härtetest

Peter Mußler 25. März 2016 4 Kommentar(e)

Die Kameras der ständigen Begleiter werden stetig besser. Wo steht 2016 die Fotoqualität nach Enthüllung des Superphones Samsung Galaxy S7? Wir haben scharf verglichen.

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Die Zeit der Pixelkämpfe ist lange passé, seit einiger Zeit zählen nur noch Ergebnisse, sprich die Bilder. Das ist bei Smartphone-Kameras nicht anders als bei Kompakten und Spiegelreflexgeräten. Um eine „augentreue“ Abbildung ohne krisselige Bilder, Unschärfen und Wackler gerade bei widrigen Verhältnissen zu erzielen, müssen die Fotomodule lernen, mit wenig Licht in kurzer Zeit auszukommen. Sie müssen also lichtempfindlicher werden, ohne dabei zu rauschen wie ein Kornfeld im Wind. Technisch geht das nur, indem man den einzelnen Pixeln mehr Platz zur Verfügung stellt – Platz, den man aber speziell im Smartphone nicht hat. Kann man in einer Spiegelreflex-kamera locker einen größeren Sensorchip im Gehäuse unterbringen, herrscht in dichtgedrängten Handy-Korpus notorisch Raumnot.

Gleiche Fläche, mehr Platz pro Pixel, das lässt nur einen Schluss zu: weniger Bildpunkte. Nicht nur nicht mehr zulegen, sondern sogar reduzieren lautet also die Devise für manche Hersteller. Samsung hat deshalb seinem neuen Flaggschiff im Vergleich mit dem Vorgänger ein sattes Viertel der Pünktchen abgezogen; nur noch 12 statt 16 Millionen tummeln sich auf dem Sensor. Leidet bei einem derart harten Diätprogramm am Ende bei aller eventuell gewonnenen Lichtstärke nicht doch die Detailtreue? Den anderen Weg schlug Apple ein. Das aktuelle iPhone hat 50% mehr Pixel (jetzt 12 MP) als das letzte Modell – ist aber im Vergleich mit den Android-Kollegen sehr niedrig gestartet (8 MP) und konnte schon immer mit starker Lichtempfindlichkeit punkten.
In unsere Testrunde schicken wir nun also drei unterschiedliche Top-Geräte – die sich im Laufe der Kamera–Evolution ihrer Ahnen alle auf eine Pixelzahl hinentwickelt zu haben scheinen: 12 Millionen. Was sie aus dieser einen Zahl machen, ist natürlich dennoch nicht gleich. Wir sagen Ihnen, wie sich Samsung Galaxy S7, das Nexus 6P von Huawei und das Apple iPhone 6s bei Dunkelheit, Gegenlicht, Mischlicht und starken Kontrasten schlagen.

 

Licht & Schatten

Licht und Schatten – das ist nicht nur eine Allegorie für das Leben, sondern auch eine häufige Situation beim Fotografieren, vor allem wenn Häuser im Spiel sind, also z.B. beim Spaziergang während eines Städteurlaubs. Wie geht die Kamera mit diesem harten Kontrast um? Verschwinden Details oder treten sie hervor?

Samsung Galaxy S7: Starke Kontraste

Der neue Referenzstern am Smartphone-Himmel überrascht uns hier, und nicht positiv. Die Kontrastsituation quittiert das S7 mit mittelmäßigen Aufnahmen. Dinge im Schatten bleiben deshalb (wie der Redakteur) fast verborgen und auch auf der Steinmauer gehen Details verloren. Es bleiben Ritzen und helle Stellen.

Google Nexus 6P: Der Schattenmeister

Bei Disziplin Nummer 1 setzt sich das Google-Phone gleich an die Spitze. Als wäre der HDR-Modus zum Einsatz gekommen (die Belichtungszeit versichert, dass dem nicht so war), ist die rechte Bildseite deutlich heller und Details wie die Falten auf dem Hosenbein sind sehr gut zu erkennen. Bravo!

Apple iPhone 6S: Aufhellung mit Warmfilter

Auch das iPhone schlägt sich gut bei der Kombination von viel und wenig Licht. Dunkle Stellen wurden aufgehellt, die Farben wirken im Vergleich wie durch einen Warmfilter aufgenommen. Das gefällt, bedeutet aber Verfremdung. Für viele Nutzer wird das jedoch kein Problem darstellen, da das Bild nicht künstlich wirkt.

 

Gegenlicht

Richtiges Gegenlicht sieht anders aus, aber damit sollte man sowieso keine Situation ausleuchten. Manchmal lässt sich ein schlechter Einfallswinkel wie in unserem Beispiel von der Seite bzw. hinten nicht vermeiden. Die Automatik-Modi der Testgeräte haben den Fokus ungefragt, doch zurecht auf das erkannte Gesicht gelegt.

Samsung Galaxy S7: Mach dich ocker!

Beim Bild des Galaxy S7 fällt zunächst der Farbunterschied bei der Hose gegenüber den Fotos mit den anderen Geräten auf. Sie ist nicht mehr hellbeige, sondern geht schon in Richtung Ocker. Der Himmel ist dafür am wenigsten blau. Über dem Horizont beginnt sofort ein hellgraues Kontinuum.

Google Nexus 6P: Starkes Grün

Am Baumstamm, der hier am stärksten ins Bild ragt, erkennt man besonders gut, dass die Brennweite beim Nexus mit 25 Millimetern am niedrigsten ist. Dadurch erhöht sich der Bildwinkel, es hat mehr auf dem Foto Platz. Der Farbverlauf am Himmel ist beim 6P natürlich, das Grün der Mauerranke am kräftigsten.

Apple iPhone 6S: Farbtreu

Das iPhone punktet mit dem ansprechendsten Farbverlauf am Firmament. Die Hose wirkt dagegen am wenigsten „behandelt“, kommt der natürlichen Kolorierung also am nächsten. Dank des Pixel-Zuwachses liegt das 6s nun beim Detailreichtum nicht mehr hinter der Android-Konkurrenz zurück.

 

 

Panorama

Der Elfmeter für jede Kamera – zumindest in der Theorie. Bessere Bedingungen findet man in der Praxis eigentlich nicht vor: genügend Licht und keine allzu unterschiedlichen Abstände zwischen Objekt und Linse. Was beim Souvenir-Foto von der Schlossfassade im Osterurlaub oder dem Hochzeitsfoto im Park zählt, ist Detailreichtum und eine überzeugende Farbdarstellung. Alle drei Geräte haben die gleiche Auflösung. Welches kann sich absetzen?

Samsung Galaxy S7: Blasse Farben

Zunächst fällt der graduelle Verlauf des Himmels von sattem Dunkelblau hin zu einem hellen Ton auf. Details im schwarzen Autolack sind jedoch nicht mehr so gut zu erkennen wie bei der Konkurrenz. Dass der Ausschnitt in puncto Schärfe leicht zurückfällt, hängt mit dem größeren Bildwinkel zusammen. Das Gelb der Häuserfront ist im Vergleich stark verblasst.

Google Nexus 6P: Starke in den Details

Die Brennweite des Google-Phones ist am niedrigsten, dementsprechend ist der Bildwinkel am höchsten, praktisch ist aber genauso viel zu sehen wie beim Samsung. Hier sind aber mehr Details zu erkennen, z.B. bei der Beschriftung des Autos. Das Gelb des Hauses ist satter als beim S7, geht aber leicht ins Grünliche. Der Himmel verläuft ähnlich.

Apple iPhone 6S: Aufgepeppte Farben

Das iPhone 6S bildet aufgrund der höchsten Brennweite am wenigsten von der Welt auf dem Sensor ab, daher der Beschnitt rundherum – für Porträts ist das aber von Vorteil. Die Details werden gut eingefangen, der Himmel geht am rechten Rand aber bereits in einem Weiß auf und die Gelbtöne der Häuser wirken sehr satt und aufgepeppt, manchmal gar wie nachkoloriert (siehe „CAFE“).

 

 

Nacht

Das ist der absolute Härtetest für jede Kamera: sehr wenig Licht, das auch noch punktuell und in einem Spezialbereich des Farbspektrums wie bei dieser Straßenlaterne. Die Kameras fahren ihre Lichtempfindlichkeit nach oben und erhöhen somit auch die Gefahr des Bildrauschens. Dagegen setzen die Bildchips im Test mit 12 Megapixeln auf eine mittlere Pixelzahl – ein Kompromiss zwischen Abbildungstiefe und genügend Platz für den einzelnen Bildpunkt.

Samsung Galaxy S7: König der Dunkelheit

Die Pixelreduktion hat sich für Samsung bezahlt gemacht. Der einzelne Bildpunkt ist hier zwar nicht am größten, der Abstand zum benachbarten Pixel dürfte aber groß sein. Das minimiert Interferenzen – und somit das Rauschen: Das Bild ist im Verhältnis extrem scharf. Die größte Blende (= kleinster Wert) dürfte auch mithelfen, da die ISO-Zahl relativ niedrig ist. Die Farben sind echt.

Google Nexus 6P: Schwach bei wenig Licht

Bei wenig Licht offenbart das Nexus trotz der größten Pixel echte Schwächen. Das Bildrauschen ist beim angewandten extrem hohen ISO-Wert deutlich bemerkbar, und nicht erst unter Zoom. Außerdem wurde aus dem rötlichen Licht der Straßenlampe etwas Grün-Gelbes. Der Weißabgleich hat es damit wohl zu gut gemeint.

Apple iPhone 6S: Kürzeste Belichtungszeit

Auf den ersten Blick wirkt das mit dem iPhone 6S gemachte Foto am dunkelsten. Liegt das an der kleinsten Blende und der kürzesten Belichtungszeit im Test? Bei der genauen Untersuchung überzeugt das Ergebnis dennoch. Das Rauschen ist nicht viel stärker als beim S7 (obwohl die Pixel am kleinsten sind und die ISO-Zahl über der des Samsung liegt), die Farben wirken auch authentisch.

 

 

Kneipenlicht

Wichtig für Social Media-Fotografen: die Bildqualität bei schummrigem Mischlicht in der Bar oder auf einer Party. In solchen Situationen werden oft Menschen in Bewegung abgebildet, die Verwackelungsgefahr ist also besonders hoch. Vorweg: Mit Belichtungszeiten von einer 1/17-Sekunde oder länger wären alle drei Geräte verloren. Welche Kamera schafft dennoch den Spagat zwischen stimmungsvoller Momentaufnahme und rauscharmem Bild?

Samsung Galaxy S7: Scharf und klar

Wie schon bei der echten Nachtaufnahme zeigt sich die Kamera des S7 kaum beeindruckt von schwierigen Lichtverhältnissen. Details sind bis in die dunkelsten Ecken gut zu erkennen und um die Lichtquellen bilden sich keine „Wolken“. Insgesamt werden die Wände allerdings leicht grünstichig abgebildet.

Google Nexus 6P: Rauschen, Schleier und Schlieren

Das Nexus-Bild ist zwar auch detailreich und scharf, doch leider auch sehr verrauscht: Der hohe ISO-Wert fordert seinen Tribut. Zudem wirkt das Bild trotz gereinigtem Objektiv als wäre es fettverschmiert. Ein Schleier wirft es weit zurück und die Lichtquellen sind ausgefranst („Smear“-Effekt).

Apple iPhone 6S: Warmer Ton, schwächere Details

Das iPhone 6S rauscht deutlich weniger als das Nexus 6P, aber auch deutlich mehr als das Samsung S7 mit seinen Mammut-Pixeln. In den Details rangiert es auch zwischen beiden Geräten, uns gefällt hier aber der warme Farbton am besten, wenngleich er nicht authentisch, sondern software-gemacht ist.

 

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Fazit

Klare Sache: Die Kameras aller getesteten Geräte produzieren überdurchschnittlich gute Bilder. Unter den besten gibt es aber erhebliche Differenzen. Samsungs Dual-Pixel-Technologie, bei der jeder einzelne Bildpunkt einen Phasenvergleich durchführt, erlaubt ein Fokussieren in bisher unbekannter Geschwindigkeit. Das hilft enorm bei Schnappschüssen – und führt somit zum vielleicht entscheidenden Vorteil. Das iPhone 6S ist nicht ganz so flink, das Nexus lahmt sogar vergleichsweise. Bei viel Licht und starken Kontrasten kann das Google-Phone dagegen voll punkten. Details werden gut eingefangen, mit Lichtunterschieden kommt es auch gut zurecht und die Software greift bei den Farben nicht unnötig ein. Wer die 540 Euro übrigens nicht ausgeben will, kann zum Nexus 5X für 285 Euro greifen. Es verfügt über die gleiche Kamera. Bei Nacht und Schummerlicht kann das S7 seine Stärken voll ausspielen: So wenig Rauschen sah man noch nie seit es Smartphone-Kameras gibt. Die offene Blende und der optische Bildstabilisator (den bietet Apple nur beim 6S Plus) könnten dafür mitverantwortlich sein. Summa summarum: Besser bei Dunkelheit und schneller beim Scharfstellen ist keine Handy-Kamera außerhalb eines S7. Wenn es um die Allround-Fähigkeiten geht, liegt das aktuelle iPhone ganz knapp vorn.

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Peter Mußler   Redakteur

Als Ästhet beschäftigt er sich gerne mit formschönen Geräten und Überschriften, so geschmeidig wie ein poliertes Alugehäuse. Als Redakteur für die Magazine des CDA-Verlags taucht er in die Tiefen der Recherche aber auch ab bis zum Grund. Denn: Eine Überschrift alleine macht noch keinen Artikel.