Fairphone 2 im Test

Martin Reitbauer 4. Februar 2016 0 Kommentar(e)
Fairphone 2 im Test Androidmag.de 4 4 Sterne

Das Projekt Fairphone stellt Smartphones her, die mit Werten jenseits von Gigahertz, ­Megapixel und Milli­amperestunden punkten: Hier zÀhlen Nachhaltigkeit, Reparierbarkeit und Konfliktfreiheit.

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„Open it, it‘s yours“ steht auf der blauen ­Banderole. Gemeint ist nicht nur die hĂŒbsch designte, recycelbare Kartonverpackung des Fairphone 2, sondern auch das GerĂ€t selbst: Das ­GehĂ€use ist dafĂŒr gebaut, um geöffnet zu werden. Obwohl sich die Aufforderung eigentlich erĂŒbrigt, denn das Smartphone liegt schon getrennt von der RĂŒckabdeckung in der Packung und gibt sein Innerstes preis: Ein wechselbarer Akku, zwei SIM-Slots, ein Einschub fĂŒr microSD-Karten. Ins Auge stechen aber auch die Standard-Komponenten wie Kamera-­Modul, Lautsprecher oder Klinken-Anschluss, die sich mit etwas hellerem Kunststoff abheben. Diese Teile können im Falle eines Defekts mit einem einfachen Schraubenzieher gelöst und getauscht werden. Keine Heißluftpistole, kein Spezialwerkzeug sind nötig.

Das Display-Panel (Mitte) ist in wenigen Sekunden vom Rest des GerÀts getrennt - ganz ohne Werkzeug. Weitere Module wie Kamera, Mikrofon und USB-Anschluss sind auf der Platine markiert und mit einem Schraubenzieher leicht zu wechseln.

Das Display-Panel (Mitte) ist in wenigen Sekunden vom Rest des GerĂ€ts getrennt – ganz ohne Werkzeug. Weitere Module wie Kamera, Mikrofon und USB-Anschluss sind auf der Platine markiert und mit einem Schraubenzieher leicht zu wechseln.

Display-Tausch in 10 Sekunden

Das Display-Panel – der Teil des Smartphones, der durch StĂŒrze am hĂ€ufigsten kaputt geht – ist sogar ganz ohne Werkzeug zu wechseln. Man entnimmt den Akku, löst mit den Fingern zwei KunststoffverschlĂŒsse und schiebt das Panel nach unten. Mit etwas Übung ist das in unter zehn Sekunden erledigt. Ersatzteile sind ĂŒber den Online-Shop des Herstellers zu beziehen und preislich moderat: 25 Euro kostet etwa das „Daughterboard“ mit USB-Anschluss, Mikrofon und Lautsprecher, 35 Euro sind fĂŒr das Kamera-Modul zu löhnen und 87 Euro fĂŒr das Display-Panel, Gorilla Glas inklusive. Die Organisation iFixit, die die Reparierbarkeit von elektronischen GerĂ€ten bewertet, belohnt das Resultat mit zehn von zehn Punkten – kein anderes Smartphone hat diese Wertung bisher erreicht.

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Konfliktfrei, nachhaltig

Neben der Reparierbarkeit spielt die „faire“ Beschaffung von Rohstoffen und menschenwĂŒrdige Arbeitsbedingungen in der Fertigung bei Fairphone eine große Rolle. Der ­Hersteller, der in den Niederlanden als gemeinnĂŒtzige Benefit Corporation zertifiziert ist, versucht Materialien wie Zinn, Wolfram, Tantal und Gold nach Möglichkeit aus Minen zu beziehen, deren Gewinne der lokalen (afrikanischen) Wirtschaft zugutekommen anstatt in die Taschen von brutalen Milizen zu landen, wie das etwa in der Demokratischen Republik Kongo nicht selten der Fall ist. In der Auftragsfertigung, die in China stattfindet, beobachtet Fairphone ĂŒber eine lokale Mitarbeiterin die Arbeitsbedingungen, bemĂŒht sich, fĂŒr höhere Löhne zu sorgen und zahlt mit jedem verkauften GerĂ€t in einen Sozialfonds fĂŒr die Mitarbeiter ein. Fairphone muss aber realistisch bleiben: Ein 100% faires Smartphone sei derzeit noch nicht möglich. Durchaus erreichbar ist allerdings ein hohes Maß an Ehrlichkeit – Fairphone schlĂŒsselt die Herstellungskosten bis ins letzte Detail auf – ein Level von Transparenz, der in der Branche ohne Gleichen ist.

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Ein gutes Produkt?

Nun aber nĂ€her zum Produkt an sich. Ohne Frage: Mit 12 mm Dicke und einem Gewicht von 168 Gramm ist das Fairphone ein ­klobiges StĂŒck. Das liegt aber vor allem an der gummiartigen RĂŒckabdeckung, die bis ĂŒber die Display-­RĂ€nder reicht und so auch den Zweck eines Schutz-Covers erfĂŒllt, das auch schwere StĂŒrze abfedert. Die Verarbeitung der Komponenten passt, nichts knarzt oder surrt – beachtlich angesichts der Tatsache, dass im Inneren kaum Kleber zum Einsatz kommt. Das Full HD-Display ist scharf, blickwinkelstabil und mit gemessenen 404 cd/mÂČ angenehm hell. Im Vergleich zum VorgĂ€nger wurde auch die Rechner-Hardware deutlich ­aufgewertet. Statt eines Mediatek-Prozessors kommt nun ein Qualcomm Snapdragon 801 zum Einsatz (der ja auch z.B. im Nexus 5 Dienst tut). Die Leistung reicht, um alltĂ€gliche Aufgaben schnell auszufĂŒhren, aufwendige 3D-Spiele werden aber schnell zur Ruckelpartie.

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Minus: Laufzeiten

Weniger verzeihlich sind die kurzen Laufzeiten – in unseren Tests machte das Fairphone 2 nach etwa 4,5 Stunden Full HD Videostreaming oder 6 Stunden Internet-Surfen schlapp. Im Schnitt schaffen unsere TestgerĂ€te da ĂŒber 6 (Video) bzw. 11 Stunden (Websurfen). Mit dem Fairphone ohne LadegerĂ€t durch den Tag zu kommen, ist dementsprechend ­schwierig. DafĂŒr ist die Ausstattung ganz ordentlich: WLAN ac und LTE sind an Bord, Dual-SIM ebenso. Der Speicher ist mit microSD erweiterbar und der Akku lĂ€sst sich tauschen. Die 8 ­MP-Kamera taugt fĂŒr gelegentliche SchnappschĂŒsse, schwĂ€chelt aber im Gegenlicht und bei nĂ€chtlichen Aufnahmen. Bei der Software hĂ€lt sich Fairphone ĂŒber weite Strecken ans pure ­Android 5.1, wartet aber mit etlichen nĂŒtzlichen Extras auf: Der linke Bildschirm stellt die am hĂ€ufigsten aufgerufenen Kontakte dar, der rechte die meistbenutzten Apps. Ein Wisch von der linken oder rechten Bildschirmkante bringt ein SchnellstartmenĂŒ zum Vorschein. Ein ­Update auf Android Marshmallow ist angedacht, scheitert derzeit aber noch an fehlender Dokumentation vom Chip-Lieferanten.

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Fazit

Das Fairphone 2 beweist, dass man taugliche Smartphones auch mit RĂŒcksicht auf Mensch und Umwelt bauen kann. Der modulare Aufbau und die Transparenz im ­Fertigungsprozess machen das ­GerĂ€t einzigartig. Um den Preis aber nicht ­explodieren zu­ ­lassen, muss der Hersteller etliche Kompromisse eingehen.

daumen_hoch
Robuste Bauweise, gute Reparierbarkeit
Nachhaltiges GeschÀftsmodell

 

daumen_runter


Kurze Laufzeiten
Schwache Kamera

 
Android
5.1
5"
1920x1080
Gewicht
168 g
8 MP
2 MP
Kamera
32 GB
64 GB
Speicher
2 GB
RAM
4x
2,26 GHz
CPU



OK MicroSD OK USB OK Audio OK GPS OK HSPA+ OK NFC OK WLAN (a,b,g,n,ac) OK Bluetooth 4.0
Abmessungen: : 144x75x12 (in mm - Höhe x Breite x Tiefe)

Display: 4 Sterne
Speed: 3 Sterne
Akku: 3 Sterne
Verarbeitung: 5 Sterne
Ausstattung: 4 Sterne
Design: 4 Sterne
Haptik: 4 Sterne
Kamera: 4 Sterne
Leistung:
2741
 
Grafik:
1466
 
Browser:
2856
 
Akku:
484
 
Max. 80627
Max. 4942
Max. 7176
Max. 910
Gesamtwertung: 29/40
 

GerÀtevergleich Rang 1

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Martin Reitbauer   Chefredakteur

Als Chefredakteur von Android Magazin und ANDROID APPS sowie als Redakteur der Plattform-agnostischen Zeitschrift SMARTPHONE ist Martin hauptsĂ€chlich mit den Print-Magazinen des Verlags hinter androidmag.de beschĂ€ftigt. Ab und an bleibt dennoch Zeit fĂŒr einen Blog-Artikel. Neben Android gilt seine Begeisterung GNU/Linux und freier Software ganz allgemein.

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