Android TV: Vor- und Nachteile von Google für die Mattscheibe

Peter Mußler 23. Juli 2016 0 Kommentar(e)

Du willst dir einen neuen Fernseher kaufen, aber bist dir unsicher welchen? Vielleicht machst du es ja vom Betriebssystem abhängig. Wenn Android schon auf deinem Handy läuft, warum dann nicht auch auf deinem Fernseher?

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Wenn Nicht nur der Rasen grün ist, sondern auch das Betriebssystem, dann läuft Android TV.

Android ist ohne Frage das beliebteste Betriebssystem für Smartphones. Ob ein Google-Pendant auf dem klas­sischen Computer-Sektor aufholen und eines
Tages an den Konkurrenten Windows und ­Apple vorbeiziehen kann, bleibt spekulativ. Aber im Bereich eines anderen medialen ­Lebensmittelpunktes ist das Rennen um die Vorherrschaft – trotz mehrerer Anläufe – noch nicht einmal im Gange: Der Fernseher ist durch seine zentrale Position im privaten Raum ­eigentlich prädestiniert als Infotainment- und Kommunikationsgerät, hat es aber bisher nicht über die Existenz als simples Anzeige­instrument ­hinaus geschafft. Zwar hat sich die Technologie der Bildgebung verbessert, die Verwendung ist in den letzten 60 Jahren aber im Wesentlichen die gleiche geblieben.

Googles erster Anlauf war ein Fehlschlag

Die Kalifornier sahen durch ihre grüne Brille die Eroberung des Heimkinos im Kreise der Familie schon als gesichert an, als sie 2010 die Idee von Google TV vorstellten. Leider haperte es an der Umsetzung – die Akzeptanz der Nutzer blieb deutlich hinter den Erwartungen zurück. Vier Jahre später wurde mit Android TV der Nachfolger vorgestellt und der kann mittlerweile zumindest Teilerfolge vorweisen.

Doch auch heute, weitere zwei Jahre danach, ist es noch längst nicht so wie bei den Smartphones, also dass drei Viertel aller Smart-TVs mit einem Google-OS laufen – ­obwohl Android in fast aller Hände ist, es also kaum Berührungsängste auf der einen und Unmut über ein zu kleines Angebot an Apps auf der anderen Seite geben sollte. Warum also tut sich das kecke Android-Männchen so schwer, seine grüne Flagge auf unseren großen Bildschirmen zu hissen?

Bremsen die Hersteller?

Noch ist die Zahl der Smart TV-Hersteller klein, die auf Android TV zurückgreift. Selbst die, die es tun, rüsten nicht die ganze Flotte damit aus, sondern nur einzelne ­Modelle. Fürchtet man zu viel Macht bei dem, der das Betriebssystem beherrscht? Oder will man nicht riskieren, dass die Masse an ­Android-Apps zwar installiert werden kann, aber nicht für den Fernseher optimiert ist und somit die Kunden verärgert? Auf jeden Fall brächte Android TV auch eine Erleichterung für die­ Softwareentwickler in den Hardware-­Konzernen: Google liefert eine hervorragende Sprachsteuerung, massenweise Apps und hat natürlich viel Erfahrung mit einer nutzerfreundlichen Bedienoberfläche. Obendrein werden automatisch Updates durchgeführt und die Koppelung mit anderen Android-­Geräten wie zuvorderst dem Handy könnte einfacher nicht sein. Innerhalb einer Plattform­familie herrscht in der Regel mehr Harmonie als bei einer Software-Mixtur.
Vielleicht hat Google mit dem günstigen Hardware-Plug-In namens Chromecast dem fabrikfertigen Android-Fernseher selbst das Wasser abgegraben? Die Lösung ist ­günstig und komfortabel zu bedienen. Wir stellen in diesem Artikel drei smarte Fernsehgeräte vor, die entweder mit Android TV laufen oder aber einen Zugriff auf Android-Apps erlauben. ­Daneben beleuchten wir die Alternativen ­Set-Top-Box und Chromecast.

Android TV und seine Hardware

Android TV ist eine für den großen Schirm optimierte Variante des weltweit sehr populären Google-Betriebssystems für Mobilgeräte. Nicht zwingend muss es aber auf einem Smart TV selbst (siehe Abbildung unten bzw. den Geräte-Check auf der nächsten Doppelseite) installiert sein. Auch auf Erweiterungen, den sogenannten Set-Top-Boxen, kann Android TV laufen und somit den Bedienkomfort und die bekannten Android-Vorzüge liefern, ohne dass viel Geld in einen ganz neuen Fernseher investiert werden muss.

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Mehr Möglichkeiten

Der Startbildschirm oben macht es deutlich: Bei einem Fernseher, der mit Android TV läuft, gibt es nicht nur mehr Kanäle als beim normalen Fernseher, sondern auch mehr Apps als bei anderen Smart TVs. Durch die weitverbreitete Plattform können viele der Smartphone-Apps einfach mitgenutzt werden, darunter auch viele Spiele.

Thin Client & Controller

Set-Top-Boxen wie der Nvidia Shield Android TV nutzen ausgelagerte Rechenkapazitäten und können alleine eine Konsole oder einen Rechner nicht ersetzen. Deshalb brauchen Sie eine schnelle Internetverbindung. WLAN ac ist also nicht umsonst der unterstützte Funkstandard.

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Gerade für Gamer ist ein Controller, wie man ihn von Spielekonsolen her kennt, absolut unabdinglich. Er ist daher integraler Bestandteil einer Set-Top-Box wie der von Nvidia. Doch auch abseits von Spielen ist er nützlich – die Navigation durch das Menü gestaltet sich damit einfach.

Sprachbegabter Klassiker

Bei einigen Geräten, die mit Android TV betrieben werden, gehören Fernbedienungen zum Lieferumfang, über die man Googles Spracherkennungsqualitäten nutzen kann. Damit gewinnt die Bedienung spürbar, da altgediente Eingabemethoden sehr umständlich sind.

3 Fernsehgeräte im Vergleich

Philips 55PUS6581/12

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Philips greift schon seit einiger Zeit auf Android TV zurück, hatte dabei aber mit der Bedienung und nicht reibungsloser Funktion zu kämpfen – und in der Folge mit unzufriedenen Kunden. Diese Zeiten scheinen aber vorbei, die meisten Geräte werden mit Android TV (im Grunde ein angepasstes Android Lollipop) ausgestattet und verkaufen sich wieder gut.

Die 6000er-Serie – zu ihr gehört das hier besprochene Modell mit der komplizierten Bezeichnung – gehört zu Philips Mittelfeld (zwei Serien rangieren darunter, zwei darüber) und wartet, abgesehen von den kleinsten Geräten, bereits mit ordentlichen Features auf: 4K-Display (das bedeutet maximale Schärfe dank 8,3 Millionen Bildpunkten und damit vier Mal so viel wie bei einer Full HD-Auflösung), 16 GB Arbeitsspeicher, Vierkernprozessor, eine kräftige Beleuchtung (400 cd/m2 sind angegeben) und eine Fernbedienung mit alphabetischem Eingabefeld, was die Eingabe von Benutzernamen und Passwörtern deutlich vereinfacht. Was die höherwertigen Philips-Geräte außerdem auszeichnet, ist das Ambilight genannte rückwärtige Beleuchtungssystem. Es taucht die Wand hinter dem Fernseher in Farben, die mit denen auf dem Bildschirm korrespondieren. So wirkt die „Leinwand“ größer – eine angenehme optische Täuschung, wenn man es so will.

Dank Android TV sind Sprachbefehle vorgesehen, müssen aber über das Smartphone im selben WLAN-Netz abgesetzt werden. Die Fernbedienung operiert (wieder!) über Infrarot. Mit dem Update auf Android Marshmallow soll es auch möglich sein, Apps zu installieren, die man nicht in Googles eigenem App-Store findet.

 

Sony KD-55X8507C

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Wie Philips setzt auch Sony überwiegend auf Android TV, fast die ganze Palette an Fernsehern läuft mit diesem Betriebssystem. Der günstigste androide Fernseher wird dabei mit einer UVP von 829 Euro gelistet und weist eine Schirmdiagonale von 108 cm (43 Zoll) auf.

Das hier vorgestellte 4K-Modell mit 55 Zoll liegt bei von Sony ausgerufenen 1.499 Euro, bei Amazon zahlt man augenblicklich rund 100 Euro weniger. Was den Sony vom Philips unterscheidet, ist die Möglichkeit, über Bluetooth Controller mit dem Fernseher zu verbinden. Gerade für Gamer könnte dies ein handfester Grund sein, zum japanischen Produkt zu greifen. Immerhin lassen sich dank der Software auch Spiele-Apps einfach und schnell herunterladen. In der mitgelieferten Fernbedienung ist ein Mikrofon integriert, mit dem man nach Apps und Kanälen suchen kann. Es braucht dazu also nicht das eigene Handy.

Zwar bietet Android TV eine große Anzahl an Apps (die nicht fernsehtauglichen werden selbstverständlich gleich aussortiert), aber bei den häufig genutzten wie z.B. Netflix ist kein Startvorteil gegeben. Die sind auf Geräten ohne Android auch verfügbar und starten teilweise gar schneller. Was Sony für kommende Updates verspricht, ist eine Aufnahmefunktion. Wenn dabei Cloud-Speicher benutzt werden sollte, würde Google Drive aber schnell seine Kapazitäten vervielfachen müssen…

Fernsehtechnisch ist auf die höhere Taktfrequenz des Sony-Geräts hinzuweisen: Für schnelle Bewegungen wie beispielsweise während der Fußball-Übertragung können sich die 100 Hz gegenüber den 60 Hz beim Philips positiv bemerkbar machen.

LG OLED55E6V, die Alternative

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Mit diesem Gerät tanzen wir aus der Reihe – es läuft nämlich nicht mit Android TV. Dennoch ermöglicht es seinem Besitzer, Android-Apps zu nutzen. Dies ermöglicht die neueste Version des LG-eigenen Betriebssystems: WebOS 3.0.

Dieses verfügt über eine Funktion, die sich „Magic Mobile Connection“ nennt. Damit lassen sich Apps, die auf dem Smartphone vorhanden sind, auf dem großen Schirm über das heimische WLAN-Netz wiedergeben. (Streaming-)Apps, die man also sowieso benutzt, müssen dann kein zweites Mal mehr installiert werden. Die Bedienung erfolgt aber über die fernseheigenen Eingabegeräte – das Handy darf liegen bleiben. (Natürlich sind auch bei LG die wichtigen Apps bereits vorinstalliert und über einen ­eigenen Store kann man sich einige weitere herunter­laden. Kenner können über Umwege sogar herstellerfremde ­Anwendungen nutzen.)

Die Fernbedienung bietet bei den Smart TVs von LG (Magic Remote) aber ohnehin ein besonderes Merkmal für mehr Komfort: Sie verfügt über Lagesensoren. Dadurch reicht eine leichte Bewegung aus dem Handgelenk und der Cursor auf dem Bildschirm wandert in die gewünschte Richtung. Weiteres kleineres Gimmick gefällig? Mit dem Magic Zoom kann man sich einen Bildausschnitt genauer anschauen, indem man ihn vergrößert.

Zur Fernsehtechnik: Der LG ist dank Picture-on-Glass-Architektur mit knapp 57 Millimetern der dünnste der drei Schirme und mit den 40 Watt-Lautsprechern von Harmon/Kardon auch der klangkräftigste. Dafür kostet er bei gleichem Maß und gleicher Auflösung auch fast das Dreifache. Warten wir ab, bis WebOS 3.0 auch in die mittleren Preisregionen durchsickert.

Oder lieber eine Set-Top-Box?

Als Set-Top-Box bezeichnet man laut Wikipedia „ein Gerät […], das an ein anderes – meist ein Fernsehgerät – angeschlossen wird und damit dem Benutzer zusätzliche Nutzungsmöglichkeiten bietet.“ Wir dampfen das ein: Ihr TV wird vielseitiger.

Nexus Player

Der Nexus Player macht auf günstige Art und Weise den heimischen Fernseher smart oder noch smarter als er eh schon ist. Es lassen sich wie von Handy oder Tablet gewohnt Apps und auch Spiele spielen. Genau dafür gibt es auch passende Controller, die sich per Bluetooth verbinden lassen.

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NVIDIA Shield Android TV

Beim Namen Nvidia (siehe Bild oben) klingelt‘s bei den Spielern unter uns. Der Grafikkarten-Hersteller liefert mit dem Shield ein Medium zwischen Internet und Fernseher, dass aber kein vollwertiger Rechner ist. Es läuft mit Android TV und lagert App und Rechenprozesse an die Cloud aus. So kann man mit ausreichend Bandbreite streamen, Apps benutzen und natürlich auch spielen.

Chromecast (2. Gen.)

Der Chromecast ist das WLAN-Bindeglied zwischen einem Android-fähigen Endgerät wie einem Tablet oder Smartphone bzw. einem Computer mit Chrome-Browser und dem Fernseher. Damit kann man den gewünschten Bildschirm auf den TV spiegeln oder Video-Inhalte bestimmter Apps (z.B. Youtube, ARD etc.) direkt herunterladen.

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Peter Mußler   Redakteur

Als Ästhet beschäftigt er sich gerne mit formschönen Geräten und Überschriften, so geschmeidig wie ein poliertes Alugehäuse. Als Redakteur für die Magazine des CDA-Verlags taucht er in die Tiefen der Recherche aber auch ab bis zum Grund. Denn: Eine Überschrift alleine macht noch keinen Artikel.