iFixit: Ein Blick hinter das Manifest der Selbstreparierer

24. Mai 2015 3 Kommentar(e)

Wenn ich ein GerÀt nicht reparieren kann, besitze ich es auch nicht. Dies ist nur ein Punkt im Manifest der Selbstreparierer, das von der Website iFixit verfasst wurde. GerÀte reparieren hat aber noch viel mehr Vorteile, wie den Schutz der Umwelt und die Schonung des eigenen Geldbeutels. Wir werfen einen genaueren Blick darauf, wie das Unternehmen mit Reparaturanleitungen und Ersatzteilen eine Renaissance der Reparierer ausgelöst hat.

Hier geht es zum Interview mit iFixit-GrĂŒnder Kyle Wiens.

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„Na toll, mein iPod Classic hat gerade den Geist aufgegeben. Geht einfach nicht mehr an. Ist sicher der Akku, der eh schon sehr schwach war. Und das wenige Wochen nachdem die Garantiefrist abgelaufen ist. Das kann doch kein Zufall sein“, klagt eine Freundin. Als ich kurz ĂŒberlege, wird mir klar, dass alle möglichen meiner elektronischen GerĂ€te dieses Leid in der Vergangenheit auch schon erfahren mussten. Ich unterhalte mich mit weiteren Freunden und Bekannten darĂŒber und alle bestĂ€tigen, dass ihnen auch schon oft GerĂ€te kurz nach Ablauf der Garantiefrist den Dienst verweigert haben, egal ob Smartphone, iPod, Laptop oder Stereoanlage. Ein Freund von mir beklagte sich allerdings nicht nur darĂŒber, sondern hat auch einen Namen fĂŒr dieses PhĂ€nomen parat: Geplante Obsoleszenz. Dies besagt, dass Hersteller GerĂ€te absichtlich mit Bauteilen ausstatten, die eine begrenzte Lebensdauer haben. Doch warum sollten sie das machen? Eigentlich sollten die Verkaufszahlen von hochwertigen GerĂ€ten doch höher liegen, wĂ€hrend minderwertige GerĂ€te weniger Absatz finden. Wie kommt es also, dass mit der geplanten Obsoleszenz genau das Gegenteil der geheime Motor unserer Konsumgesellschaft zu sein scheint? Ganz einfach, unsere Konsumgesellschaft ist auf Wachstum ausgelegt. Um die Nachfrage zu steigern, beschrĂ€nken Hersteller die Lebensdauer von Produkten kĂŒnstlich.

Die Rechnung ist ganz simpel, je lĂ€nger Produkte halten, desto weniger werden von ihnen verkauft. Als Kunde bleibt einem kaum etwas anderes ĂŒbrig, als das defekte GerĂ€t durch ein Neues zu ersetzen. Reparieren kann diese GerĂ€te ja schließlich niemand, da sie hochintegriert und komplex aufgebaut sind. Außerdem gibt es weit und breit keine Reparaturanleitungen und die Gebrauchsanweisungen und HandbĂŒcher bieten, wenn ĂŒberhaupt, auch nur unzureichende Hilfestellung.

Ohne GehĂ€use sieht ein Smartphone zunĂ€chst sehr furchteinflĂ¶ĂŸend aus, doch iFixit nimmt einem schnell die Angst vor den unbekannten Bauteilen.

Ohne GehĂ€use sieht ein Smartphone zunĂ€chst sehr furchteinflĂ¶ĂŸend aus, doch iFixit nimmt einem schnell die Angst vor den unbekannten Bauteilen.

Die Geburtsstunde von iFixit

Vor genau diesem Problem standen 2003 auch die beiden Studenten der California Polytechnic State University, Kyle Wiens und Luke Soules. Zusammen wollten sie ein defektes iBook von Apple auf eigene Faust reparieren. Reparaturanleitungen waren weit und breit nicht zu finden, also begannen die beiden, das GerĂ€t auf die harte Tour zu reparieren. Schritt fĂŒr Schritt wurden die einzelnen Bauteile entfernt. Es gingen zwar einige Schrauben verloren und ein paar AufhĂ€nger brachen ab, doch am Ende war die Aktion ein Erfolg – der Laptop lief wieder. Durch den Erfolg motiviert, wollten die beiden Studenten noch weitere Laptops reparieren, hatten allerdings nicht nur Probleme an die Reparaturanleitungen, sondern auch an die Ersatzteile zu gelangen. Über eBay kauften sie defekte GerĂ€te und entnahmen die nötigen Ersatzteile – sie begannen die restlichen Bauteile aus den ausgeschlachteten GerĂ€ten ĂŒber einen eigenen Online-Shop zu verkaufen. Das Unternehmen iFixit war geboren.

Das GeschĂ€ft lief von Anfang an sehr gut, und die Palette der Ersatzteile und GerĂ€te wurde stetig erweitert. Allerdings wurde dadurch auch ein Problem immer deutlicher – die Kunden konnten zwar endlich an die begehrten Ersatzteile kommen, mussten allerdings, so wie Kyle und Luke auch, jeweils den harten Weg gehen um herauszufinden, wie sie das GerĂ€t öffnen und sich bis zum defekten Bauteil durchschlagen können. Schnell war also klar, Anleitungen mĂŒssen her. Wenn die Hersteller diese verstĂ€ndlicherweise aber nicht bereitstellen wollen, da ein repariertes GerĂ€t eben einen Neukauf weniger bedeutet, muss halt selber Hand angelegt werden. Kyle und Luke begannen, ihre Reparaturen penibel zu dokumentieren und stellten diese auf ifixit.com kostenlos zur VerfĂŒgung. Innerhalb kĂŒrzester Zeit flatterten aus aller Welt Erfolgsmeldungen ein – Nutzer waren plötzlich in der Lage, ihre defekten GerĂ€te auch ohne Vorkenntnisse zu reparieren.

Mit primitiven Werkzeugen und ohne Schutzkleidung werden die defekten GerÀte in ihre Einzelteile zerlegt und grob sortiert. Die Arbeiter sind dabei konstant allen enthaltenen Giftstoffen ausgesetzt.

Mit primitiven Werkzeugen und ohne Schutzkleidung werden die defekten GerÀte in ihre Einzelteile zerlegt und grob sortiert. Die Arbeiter sind dabei konstant allen enthaltenen Giftstoffen ausgesetzt.

Anleitungen mit einer JapansÀge

Nach wenigen Clicks finde ich auf der Webseite auch eine Reparaturanleitung fĂŒr den iPod Classic meiner frustrierten Freundin. Als ich ihr mitteile, dass ich ihr das GerĂ€t reparieren kann, schaut sie mich zwar skeptisch an, hĂ€ndigt mir den MP3-Player aber trotzdem aus. Schließlich hat sie nichts zu verlieren, kaputt ist das GerĂ€t ja ohnehin.

Die Anleitung unterscheidet sich deutlich von all den starren Vertretern aus Papier oder als PDF-Datei. Jeder Schritt wird mit einem Foto und einem erklĂ€renden Text versehen. Dadurch ist es selbst fĂŒr unerfahrene Nutzer möglich, technische GerĂ€te auseinander zu nehmen, ohne sie dabei kaputtzumachen. Der Anleitungsstil, den iFixit entwickelt hat, haben Luke und Kyle „Dozuki“ genannt. Wie auch mit den namensgebenden japanischen FeinsĂ€gen sind die Ergebnisse der Anleitungen sehr feine Schnitte durch die komplexen technischen GerĂ€te. Der grĂ¶ĂŸte Vorteil gegenĂŒber den herkömmlichen statischen Anleitungen ist allerdings, dass Experten die Dozuki-Anleitungen jederzeit verfeinern und verbessern können. Zusammen mit einer aktiven Community, wie im Falle von iFixit, sind Nutzer ĂŒber die iFixit-Apps oder die Anleitungen auf der Website immer auf dem aktuellsten Stand.

Inzwischen wurde Dozuki von iFixit als eigenstĂ€ndiges Produkt veröffentlicht. Somit ist es allen interessierten Unternehmen möglich, mithilfe der Plattform den Kunden oder Nutzern sehr genaue Anleitungen bereitzustellen. Zudem bietet die Plattform auch eine Antwort-Sektion und lĂ€sst sich als Kollaborationsplattform fĂŒr Arbeitsgruppen einsetzen.

Um an die verbauten Metalle in den GerÀten und den Kabeln zu gelangen, verbrennt man die GerÀte einfach und verseucht Boden und Luft mit den giftigen DÀmpfen des schmelzenden Plastiks.

Um an die verbauten Metalle in den GerÀten und den Kabeln zu gelangen, verbrennt man die GerÀte einfach und verseucht Boden und Luft mit den giftigen DÀmpfen des schmelzenden Plastiks.

Gegen Elektroschrott und die Verschwendung

Dank der Anleitung ist der defekte Akku des iPods inzwischen ohne allzu großen Aufwand ausgetauscht. Ein weiterer Freund fragt umgehend, ob ich den zersplitterten Bildschirm seines Smartphones austauschen kann. Ein kurzer Blick auf iFixit sagt mir zwar, ja, das geht – allerdings ist dies sehr schwierig. Jede Anleitung auf der Website gibt nĂ€mlich Aufschluss ĂŒber den Schwierigkeitsgrad der Reparatur. Außerdem nimmt iFixit jedes relevante neue GerĂ€t, egal ob Laptop, Smartphone, Tablet oder Smartwatch auseinander und erzeugt anhand dieser Teardowns einen Repairability Score – also eine Note, die aussagt, wie einfach oder schwer die Hersteller es den Nutzern machen, ein GerĂ€t zu reparieren.

Mit der Renaissance der Reparierer hat iFixit weniger einen Krieg gegen die Industrie gestartet, sondern vielmehr dem Elektroschrott den Kampf angesagt. Dieser ist nĂ€mlich eines der grĂ¶ĂŸten Probleme fĂŒr die Umwelt, die unsere Wegwerfgesellschaft hervorgebracht hat. Dörfer, StĂ€dte und ganze Landstriche vor allem in Asien sind durch die Entsorgung mit gefĂ€hrlichen Chemikalien und durch das Verbrennen von Plastik quasi unbewohnbar geworden und unzĂ€hlige Menschen erleiden schwere gesundheitliche SchĂ€den, nur weil wir stĂ€ndig neue GerĂ€te brauchen und die defekten nicht reparieren können. Diesen Kampf fĂŒhrt iFixit aber zum GlĂŒck nicht allein, sondern mit vielen anderen Unternehmen, wie z. B. Fairphone, mit denen iFixit eine Partnerschaft geschlossen hat. Und wir alle können diesen Kampf unterstĂŒtzen, indem wir alte oder defekte GerĂ€te nicht wegwerfen, sondern sie entweder selber reparieren, oder sie zumindest jemandem geben, der es kann.

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Harald Gutzelnig   Herausgeber

Harald hat eigentlich als Herausgeber und GeschĂ€ftsfĂŒhrer des hinter dem Portal stehenden Verlags gar nicht viel Zeit Artikel zu schreiben, aber es macht ihm so viel Spaß, dass er dafĂŒr sogar ab und an aufs Schlafen verzichtet. Er hofft natĂŒrlich, dass dieser Schlafentzug seinen Artikeln nicht anzumerken ist.

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