Der wahre Traum vom ewigen Leben – Teil 1/3

25. Mai 2016 0 Kommentar(e)

Eos, die G├Âttin der Morgenr├Âte war mit unstillbarer Begierde nach jungen sterblichen M├Ąnnern erf├╝llt. Also erbat sie von G├Âttervater Zeus das ewige Leben f├╝r ihren Geliebten Tithonos. Allerdings verga├č sie, Zeus auch um die ewige Jugend zu bitten. So wurde er immer ├Ąlter und schrumpelte ÔÇô unf├Ąhig zu sterben. Schlie├člich blieb von ihm nur noch seine schrille Stimme ├╝brig. Da hatte Zeus Mitleid mit ihm und verwandelte ihn in eine Zikade, die Eos immer begleitete.

Eigentlich sollte diese einleitende Geschichte eine Warnung sein, dass uns ewiges Leben nicht gl├╝cklich macht, doch andererseits wecken unsere Erfahrungen mit dem Tod, die wir dank der neuen Medien nun bereits t├Ąglich konsumieren d├╝rfen, unseren Wunsch nach ewigem Leben. Weil wir aber wissen, dass dies (noch) Utopie ist, entwickelten wir im Lauf der Zeit Theorien, die dem Tod seinen Schrecken nahmen. Viele Religionen lassen uns glauben, dass wir wiedergeboren werden, andere wissen, dass wir im Himmel ohnehin ewig leben werden. Und dennoch ist der Verlust von Mitmenschen eine derart negative Erfahrung, dass wir uns st├Ąndig Gedanken machen, wie wir unser Leben verl├Ąngern k├Ânnen, wie wir es schaffen k├Ânnten, ewig zu leben.

Die Bionik wird immer mehr ein Teil unseres Lebens. Macht sie uns unsterblich? (Foto: Shutterstock/[videodoctor])

Die Bionik wird immer mehr ein Teil unseres Lebens. Macht sie uns unsterblich? (Foto: Shutterstock/[videodoctor])

Verl├Ąngerung der Lebensverl├Ąngerung

Und der Zeitpunkt f├╝r derlei Gedanken ist geradezu ideal. Die Lebenserwartung der Menschen in den Industrienationen steigt exponentiell an. In den letzten 50 Jahren ist sie durchschnittlich um zehn Jahre gestiegen. In den OECD-Mitgliedstaaten liegt sie aktuell bei 80,5 Jahren. Und sie steigt Jahr f├╝r Jahr um rund drei Monate,┬á in einigen Jahren werden es gar vier oder mehr sein. Wenn wir also nach heutigen Ma├čst├Ąben noch 40 Jahre zu leben h├Ątten, dann w├╝rden wir nicht in 40 Jahren sterben, sondern erst in 50, weil sich die Lebenserwartung in der Zwischenzeit um mindestens zehn Jahre verl├Ąngert hat. Tats├Ąchlich wird dies deutlich mehr sein.

Aber wie viel mehr? Ist es denkbar, dass wir irgendwann f├╝r jedes Jahr, das wir leben, ein weiteres Jahr dazubekommen, nur weil die Lebenserwartung so steil ansteigt? Dann h├Ątten wir tats├Ąchlich gro├če Chancen, ewig zu leben.

Doch ist das ├╝berhaupt w├╝nschenswert? Und wie m├╝ssen wir uns so ein ewiges Leben vorstellen? Die erste Frage ist philosophischer Natur und ber├╝hrt uns hier weniger, auch wenn wir diese Thematik sp├Ąter kurz streifen wollen. Eine Antwort auf die zweite Frage geben uns zahlreiche Alters- und Zukunftsforscher.

In 13 Jahren leben wir ewig

So etwa auch der Erfinder und Zukunftsguru Raymond Kurzweil, der unter anderem Leiter der technischen Entwicklung bei Google ist. Er behauptet, dass in rund 30 Jahren die Singularit├Ąt stattfinden wird. Genauer gesagt im Jahr 2045. Dann soll laut Kurzweil die k├╝nstliche Intelligenz die biologisch menschliche in einem Ausma├č ├╝berholt haben, das uns ein weiteres Schauen in die Zukunft unm├Âglich macht. Es ist dies der Zeitpunkt, ab dem wir ewig leben k├Ânnen.┬á Genaugenommen denkt er, wird dies schon ab dem Jahr 2029 m├Âglich sein. Weil eben ab diesem Zeitpunkt die durchschnittliche Lebenserwartung pro Jahr um ein Jahr verl├Ąngert wird.

Der Zukunftsforscher Raymond Kurzweil ist ├╝berzeugt: In 13 Jahren werden wir unsterblich sein, oder fast... (Foto: Wikipedia/Michael Lutch, Courtesy of Kurzweil Technologies)

Der Zukunftsforscher Raymond Kurzweil ist ├╝berzeugt: In 13 Jahren werden wir unsterblich sein, oder fast… (Foto: Wikipedia/Michael Lutch, Courtesy of Kurzweil Technologies)

Nanobots statt Ärzte

Worauf begr├╝ndet Kurzweil diese Mutma├čungen: So genau wollen wir das wahrscheinlich gar nicht wissen. Jedenfalls, wenn es soweit ist, sind wir eher Roboter denn Mensch, Cyborgs eben. Zumindest wird unser Immunsystem von Maschinen kontrolliert. Diese winzigen Nanobots werden aber auch Hand anlegen an uns, falls dies n├Âtig sein sollte. Nicht um uns zu z├╝chtigen, vielmehr um an uns notwendige Operationen durchzuf├╝hren und defekte Zellen auszutauschen bzw. zu reparieren. Und nat├╝rlich Krankheitserreger wirkungsvoll zu bek├Ąmpfen, lange bevor wir die Symptome einer Krankheit ├╝berhaupt zu sp├╝ren bekommen.

Gehirnwolken

Kurzweil ist sogar der Meinung, dass wir unser Gehirn dann in die Cloud auslagern werden k├Ânnen. Das bedeutet, dass wir unser Bewusstsein und unsere geistigen┬á Inhalte auf Rechnern in der Cloud speichern und jederzeit wieder abrufen k├Ânnen. Vorbei die Zeiten, in denen wir die Vornamen all unserer Liebschaften durcheinandergebracht haben.

Aber nicht nur das Backup unseres eigenen Wissens ist m├Âglich. Wir werden innerhalb von Sekundenbruchteilen auf jede nur erdenkliche Frage eine Antwort haben. Wir m├╝ssen nur die Speicher anderer Cyborgs anzapfen. Das w├╝rde unter anderem dazu f├╝hren, dass wir wesentlich schlagfertiger w├Ąren und nat├╝rlich intelligenter bzw. gebildeter.

Maschinen in Menschenform

Kurzweil selbst ist inzwischen 68 Jahre alt, doch er f├╝hlt sich wesentlich j├╝nger. Diverse Alterstests attestieren ihm ein Alter von nicht einmal 45 Jahren. Er nimmt allerdings auch weit ├╝ber hundert Nahrungserg├Ąnzungsmittel ÔÇô pro Tag. Und er m├Âchte im Laufe seiner Lebensjahre noch ÔÇ×j├╝ngerÔÇť werden. Was paradox klingt, ist durchaus denkbar. Wir m├╝ssen uns allerdings von dem Gedanken verabschieden, dass unser K├Ârper dann noch so funktioniert wie bisher. Unsere Hardware (K├Ârper) hat eine gewisse Lebensdauer. Da n├╝tzt es auch nichts, wenn die Software (Geist) noch funktionsf├Ąhig ist. Dieses Problem aber k├Ânnen wir l├Âsen, indem wir unsere sterbliche Hardware durch Computerhardware ersetzen. Denn die geht nie kaputt. Diese Aussichten sind gleicherma├čen faszinierend wie abschreckend. Wir werden zu Cyborgs, zu Maschinen in Menschenform. Und, so Kurzweil, der maschinengesteuerte Anteil unserer Intelligenz werde irgendwann eine Milliarde Mal h├Âher sein, als die Intelligenz, die uns Gott mitgegeben hat.

Humorvolle Cyborgs

Werden wir dann auch in das Bewusstsein unserer Mitmenschen ÔÇô oder sagen wir besser Mitmaschinen ÔÇô eindringen k├Ânnen? Werden wir auf Knopfdruck deren Gedanken abrufen k├Ânnen? Ja, aber Kurzweil sieht nur die positive Seite von solchen gedanklichen Vernetzungen. Er ist ├╝berzeugt, dass sich dies positiv auf das gegenseitige Verst├Ąndnis auswirken werde. Er glaubt auch, dass wir dann neue Formen der Kommunikation entwickeln werden und humorvoller, aber auch liebevoller sein k├Ânnten.

Im zweiten der drei Teile befassen wir uns mit den anderen Zukunftsforschern – die ebenfalls an der Unsterblichkeit arbeiten. Der zweite Teil erschien┬áam 26. Mai.

Im dritten und letzten Teil geht es um die sozialen und moralischen Aspekte des ewigen Lebens. Dieser Teil erschien am 27. Mai.

 

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Harald Gutzelnig   Herausgeber

Harald hat eigentlich als Herausgeber und Gesch├Ąftsf├╝hrer des hinter dem Portal stehenden Verlags gar nicht viel Zeit Artikel zu schreiben, aber es macht ihm so viel Spa├č, dass er daf├╝r sogar ab und an aufs Schlafen verzichtet. Er hofft nat├╝rlich, dass dieser Schlafentzug seinen Artikeln nicht anzumerken ist.

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