Bedroh(n)ung aus der Luft?

Peter Mußler 13. September 2015 0 Kommentar(e)

Unbemannt fliegen. Das meinen die meisten Menschen damit, wenn sie von Drohnen reden. Ferngesteuerte Spielzeug-Flugkörper konnten das schon lange. Neu ist aber, dass sie smart werden. Ist das ein Fluch oder Segen?

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Drohnen kennen wird auch aus dem Tierreich: es sind die männlichen Bienen, Hummeln, Wespen und Hornissen. Sie haben nicht viel zu sagen, sondern sollen ihren Dienst verrichten, sind also das Gegenteil von smart. Aber sie sind nützlich. Vielleicht hat sich deshalb das Militär diesen Begriff geborgt, um damit zuerst unbewaffnete Objekte zu bezeichnen, die zu nichts anderem dienten, als anvisiert und zur Übung abgeschossen zu werden. Später dann erweiterte sich die Bedeutung und verengte sich auch wieder: Eine Drohne ist ein Flugobjekt, jedoch – ganz wichtig – ein unbemanntes. Zum Einsatz kam sie vor allem aber immer noch beim Militär, entweder als Aufklärungs- oder später auch als Angriffsgerät. Unschwer zu erraten, dass es damit keine positive Reputation aufbauen konnte: Weder Spähen noch Zerstören steht beim gemeinen Volk besonders hoch im Kurs. Wo Menschen beim Steuern eines Flugzeugs Gefahr drohte, versuchte man, auf Fernsteuerung oder Selbststeuerung zurückzugreifen.

Wird die Technik besser, ersetzt sie den Menschen, selbst dann wenn ihm keine Gefahr mehr droht. Wird sie dazu auch noch billiger, geht der Verzicht auf Humanpersonal noch viel leichter von der Hand und der zivile Nutzen rückt in den Fokus, sprich die Massen profitieren, ob privat oder kommerziell. Heute ist ein Flieger mit WLAN-Steuerung über Smartphone oder Tablet noch immer nicht billig, aber leistbar und kann Bilder in FullHD machen, selbstständig aufsteigen und landen, den Wind ausgleichen und sogar seine Umgebung scannen, um sich in dieser auch alleine zurechtzufinden. Videoproduktionen, die früher fünfstellige Budgets für Luftaufnahmen verschlangen, können heute gewissermaßen mit Laien-Equipment durchgeführt werden. Wie immer muss der Gesetzgeber auf derartige gesellschaftliche und technische Veränderungen reagieren: Denn ein zum Geburtstag geschenkte Senkrechtstarter mit Kamera kann, aus dem Garten zum Jungfernflug angesetzt, schnell das Persönlichkeitsrecht des Nachbarn verletzen – ganz ohne böse Absicht. Was aber, wenn die Absicht böse ist? ­Den Voyeurismus in seiner schlimmsten Form könnte hiermit Vorschub geleistet werden. Wir schließen aus Vorsicht oder Verärgerung abgeschossene Drohnen daher nicht aus.

Doch auch die Industrie verschließt die ­Augen nicht vor den neuen Möglichkeiten des unbemannten Flug-Nahverkehrs: Die Drohne als Transporter der Lüfte ist längst keine echte Zukunftsmusik mehr. Google plant, Hilfslieferungen in entlegen Gebiete mittels Flügeldrohnen zu senden, Amazon erprobt in Nordamerika bereits die Zustellung von Paketen innerhalb von 30 Minuten nach Bestellung. Das würde die Welt revolutionieren, da „Lieferzeit“ zum Fremdwort verkommen könnte. Und vielleicht sind eines Tages die Straßen leer und der Himmel voll – voll von kleinen fleißigen Drohnen, die brummen wie pollenbepackte Bienen.

 

 

Drohnen bei den Riesen

Wer glaubt, Drohnen seien nur für das Militär auf der einen oder für Hobbyfilmer und Nachbarschaftsspione auf der anderen Seite interessant, der irrt. Auch die Industrie sieht großes Potenzial im unbemannten Flugbetrieb.

Project Wing

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Mit diesem Projekt will Internet-Gigant Google anscheinend helfen, die Welt besser zu machen – denn in absehbarer Zeit monetarisieren lässt sich die Idee wohl nicht, entlegene Gegenden mit bestimmten Gütern zu versorgen. Die verwendete Drohne ist ein Hybrid aus Helikopter und Tragflächenflugzeug (was dem Projektnamen Sinn verleiht), ein sogenannter Heckstarter. Dank dieser Bauweise kann sie schneller und weiter fliegen, jedoch ohne Startbahn aufsteigen und am Zielort auch in der Luft stehend verweilen, um die Fracht über ein Seil abzuladen. Dem Eigengewicht von acht Kilo stehen beachtliche zwei Kilo an Ladekapazität gegenüber. Google arbeitet bereits seit drei Jahren an seinen „selbstfliegenden Vehikeln“. Wann sie kommen, ist noch immer unklar.

Project Amazon

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Im April dieses Jahres wurde Amazon von der US-Luftfahrtbehörde erlaubt, das Drohnenmodell zur Zustellungen von Produkten öffentlich zu testen. Das ist ein wichtiger Schritt für CEO Jeff Bezos, um sein 2013 gegebenes Versprechen wahrzumachen, künftig innerhalb von 30 Minuten die Waren den Kunden zuzustellen, die der Luftlaster auch transportieren: Sie dürfen nicht schwerer als bis 2,26 Kilo sein und in die Transportbox passen. Dies trifft auf immerhin 86% der Lieferungen zu – keine schlechten Aussichten also. Natürlich muss dazu ein Frachtzentrum auch in der Nähe sein, die Reichweite der Mini-Helis ist begrenzt. Just-in-time-Delivery würde damit auf jeden Fall eine ganz neue Dimension bekommen: Order now, get now.

 

 

Vogelperspektive für jeden

Parrot Bebop Drone

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Dem Modellnamen Bebop wohnt ein wenig Prophezeiung inne: Die Drohne vom französischen Hersteller Parrot kann einen schwindelig fliegen – vor allem wenn der Wind geht, so wie an unserem ersten Testtag. Das liegt daran, dass es sich hier um ein Ultraleicht-Fluggerät handelt, das der bewegten Luft nicht viel entgegenzusetzen hat. Magnesium und Kunststoff helfen, die Masse zu reduzieren und damit dem Power-Pack ein größeres Gewicht zuzustehen. Leider ist das mit 1200 mAh nicht allzu üppig ausgestattet, sodass nach 6 bis 7 Minuten Ausflug der Saft schon aus ist. Die angegebenen 11 Minuten sind wohl nur ohne größere Manöver zu erreichen. Wer also längeren Flugspaß haben möchte, der sollte zu den zwei Serien-Akkus weitere anschaffen.

Um die Drohne vor den Gefahren eines unerfahrenen Piloten zu schützen, gibt es verschiedene Sicherungsmechanismen, wie z.B. die Festlegung der maximalen Flughöhe. Darüberhinaus gibt es einen Home-Button, der den Flieger zum Startpunkt zurückkehren lässt (GPS-Ortung macht das möglich), und ein Not-Aus, falls man der Überlandleitung wirklich nicht mehr ausweichen kann. Für den normalen Landefall greift jedoch eine Automatik, die die Drohne sanft aufsetzen lässt.

Erst die Kamera erhebt die Drohne über den Modellhubschrauber. Die löst mit 14 MP bei der Bebop zwar hoch auf, lässt sich gut schwenken und deckt dank Fischaugen-Linse von Haus aus einen breiten Bereich ab, an der Bildqualität selber sollte der Hersteller aber noch drehen. Das liegt wahrscheinlich nicht an der Optik und dem Chip, sondern vermutlich an der Software, die mit bizarren Wischattacken die Rohbilder aggressiv bearbeitet. Bei Videos fällt dieser Zeichenfilter naturgemäß weniger ins Gewicht.

Zum hohen Preis der Drohne kommt das Gleiche noch einmal für den verwendeten Controller, der fast nötig ist. Per In-App-Kauf fliegt die Bebop auch fixe Routen. Alles in allem also ein teurer Spaß.

 

 

Professionelle Luftraumüberwachung

DJI Phantom 3 Professional

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Diese Drohne heißt nicht nur wie ein legendäres Jagdflugzeug, sie hat auch Züge davon: Eine starke Kamera ohne Verzerrung (dafür mit 16-GB-Speicher) wie beim Spionage-Bomber, einen optischen Bodentaster, der die Höhe automatisch reguliert (gut für Filmaufnahmen in Bodennähe, wenn es ein wenig hügelig wird), eine maximale Flughöhe von 500 Metern (also mehr als legal!) bei einer Geschwindigkeit von 16 m/s und eine akzeptable Nutzungsdauer von maximal 23 Minuten. Bis zu zwei Kilometer kann sich die Hightech-Libelle von Steuermann bzw. -frau entfernen und dabei sogar auf Youtube live-streamen. Wenn das nicht die gläserne Nachbarschaft garantiert, wissen wir‘s auch nicht. Also: Obacht, wo‘s surrt!

 

 

Das Ende des Selfie-Sticks

Lily

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Lily ist noch nicht auf dem Markt, hat aber bereits die gesamte Social Media-Welt begeistert. Sie ist keine Drohe, die man aktiv steuert, sondern die einem folgt wie ein treuer Hund, nur in gebührendem Abstand und mit einem guten Kamera um den Hals, egal, ob auf Skiern, dem Mountainbike oder in einem Kanu zu Wasser. Das wasserdichte Propeller-UFO scharwenzelt um den Träger eines Sendemoduls herum und macht dabei Aufnahmen von Herrchen oder Frauchen. Scanner für Hindernisse hat Lily noch keine, sie wurden für die meisten Situationen als überflüssig erachtet. Die aus einer Crowdfunding-Schmiede kommende „persönliche fliegende Kamera“ wird voraussichtlich ab Mai 2016 lieferbar sein.

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Peter Mußler   Redakteur

Als Ästhet beschäftigt er sich gerne mit formschönen Geräten und Überschriften, so geschmeidig wie ein poliertes Alugehäuse. Als Redakteur für die Magazine des CDA-Verlags taucht er in die Tiefen der Recherche aber auch ab bis zum Grund. Denn: Eine Überschrift alleine macht noch keinen Artikel.

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