Navigationssystem vs. App

Florian Meingast 22. Februar 2018 Kommentare deaktiviert für Navigationssystem vs. App Kommentar(e)

Von A nach B in der kürzesten Zeit, wenn möglich an den schönsten Sehenswürdigkeiten an der Strecke vorbei und das alles ohne Stau: Die Anforderungen an Navigationsgeräte könnten nicht höher sein. Aber egal, ob nun eine App oder ein „echtes“ Navigationssystem: Welche Variante wird den Ansprüchen gerecht?

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Fest im Fahrzeug verbaut, ein Gerät eines Drittherstellers mittels Saugnapf hinter die Windschutzscheibe geklebt oder vielleicht doch eine App auf das Smartphone geladen? – In Sachen Navigationssysteme scheiden sich bekanntlich die Geister.

Doch inwieweit unterscheiden sich die Varianten voneinander? Um Ihnen diese und weitere Fragen zu beantworten, schickten wir einen unserer Redakteure auf die Reise.
Begleiten sollten ihn das Nüvi 66LM von Garmin und die Apps HERE WeGo, Google Maps sowie Apple Maps. Für die letztgenannte Variante wurde ein iPhone 7 mit dem Infotainmentsystem des Fahrzeuges verbunden. Dadurch wurde die Karte auf dem Bildschirm der Mittelkonsole mittels CarPlay angezeigt. Um einheitliche Testbedingungen zu schaffen, wurden die drei Smartphones, auf denen die Apps liefen, durch den Hotspot eines Tablets mit dem Internet verbunden.

Um entscheiden zu können, welches Navi am Ende des Tages das Beste ist, wurden die getesteten Objekte in den Kategorien Bedienung, Navigation, Anzeige und Karte bewertet. Dabei achteten wir speziell auf die Benutzeroberfläche, die Individualisierbarkeit der Route, die Genauigkeit der Ansagen, die Aktualität und die Details des Kartenmaterials.

Auf ihre Vor- und Nachteile geprüft wurden die Navis auf zwei verschiedenen Routen. Einerseits von Wels in Österreich nach Sankt Georgen im Attergau, in der Nähe von Salzburg – ein Zwischenstopp bei einer McDonald‘s-Filiale in Vöcklabruck inklusive. Der Weg führte beinahe 55 Kilometer über Landstraßen, durch Tunnel und über Waldwege.

Die zweite Zielführung startete ebenfalls in Wels und endete nach einer beinahe einstündigen und etwa 62 Kilometer langen Fahrt über Autobahn und Landstraßen am Parkplatz des CDA Verlages in Arbing im Bezirk Perg.

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Turbulente Fahrt mit Startschwierigkeiten

Wenn die Eingabe der Ziele zum Abenteuer wird, wie soll erst die Fahrt werden? Genau das ist der erste Gedanke unseres Redakteurs. So viel vorab: Während die Navigation nach Arbing, abgesehen von der korrekten Anzeige von tageszeitabhängigen Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Autobahnen, problemlos funktionierte, trennte sich auf der Fahrt nach Sankt Georgen im Attergau die Spreu vom Weizen.

In Sachen Zieleingabe machten HERE WeGo und Apple Maps Probleme. Derjenige, der auf seiner Reise auf die App von HERE vertraut und einen Zwischenstopp einlegen möchte, wird enttäuscht. Das Programm verfügte noch nicht über dieses Feature. Außerdem werden die, die der englischen Sprache nicht mächtig sind, die Ansagen in der Werkseinstellung nicht verstehen. Im Menüpunkt „Optionen für Stimmen“ können Sie die Sprache aber ändern.

Die Zieleingabe bei Apple Maps gestaltet sich aufgrund der genutzten Sprachsteuerung als kompliziert. Ganz egal wie deutlich unser Redakteur die Route auch ansagte, er wurde zwei Mal mehrere hundert Kilometer nach Deutschland geschickt. Der dritte Versuch sollte gelingen. Problemlos funktionierte die manuelle Eingabe bei dem Gerät von Garmin und Google Maps.

Zielführung wird gestartet

Es sollte eine halbe Stunde dauern, bis die Route samt Zwischenziel und Verzicht auf die Nutzung der Autobahn auf den vier Geräten eingegeben war. Weniger als eine halbe Minute später hatten die Systeme eine identische Route mit der beinahe selben Ankunftszeit kalkuliert. Also: Gang rein, Fuß auf‘s Gas und ab die Post.
Die anschließende Freude über die exakten Ansagen oder die wiederholte Vergrößerung des Kartenausschnitts vor einer Kreuzung sollte aber nicht von langer Dauer sein. Bereits nach etwa 25 Minuten Fahrzeit schickte der Navigator von HERE unseren Redakteur – im Gegensatz zu den anderen drei Kandidaten – nicht etwa über die neu eröffnete Umfahrung der Stadt Lambach, sondern direkt durch den Stadtkern. Zu diesem Zeitpunkt erklärte sich auch die im Vergleich um etwa zehn Minuten längere Fahrzeit.

Plötzlich auf die Autobahn

Der Umfahrung gefolgt, wechselte die Anzeige der Produkte von Garmin, Google und Apple kurz nach der Einfahrt in den Tunnel in den Nachtmodus. Beim Anblick der im Vergleich grellen Anzeige der HERE-App schmerzen hingegen die Augen.

Apropos Tunnel: Kurz nach der Einfahrt reißt bei Google Maps die Verbindung zum Netzwerk ab. Etwa zehn Minuten nach dem Verlassen der Röhre funktionierte die App dann wieder.
Wieder zurück auf der Landstraße kristallisierte sich der nächste Unterschied zwischen HERE WeGo, Apple Maps und dem Garmin Gerät heraus: Die Anzeige der erlaubten Höchstgeschwindigkeit entlang der Route.

Sie haben ihr Ziel erreicht

Während nämlich das Nüvi 66LM und die Here! App – zumindest während dieser Fahrt – ständig die korrekte Höchstgeschwindigkeit anzeigen, blendet Apple Maps diese nach einigem Hin und Her komplett aus. Und Google Maps? Nun, die Nutzer des Kartendienstes müssen auf die Anzeige von Geschwindigkeitsbegrenzungen verzichten. Der zweite Minuspunkt für Google Maps.
Etwa 15 Minuten nach dem Verlassen des Tunnels ist die erste Etappe geschafft. Jedes der drei Navigationssysteme führte unseren Tester vor die Haustüre der Filiale der Fastfood-Kette. Nach einer Kaffeepause aktivierte unser Redakteur die Geräte wieder und stellt nach wenigen Sekunden fest, dass Google Maps kurzerhand die Nutzung der Autobahn in die Route integriert hat.
Während der nächsten zehn Kilometer auf der Landstraße suchte das Programm krampfhaft nach der Route zurück auf die Autobahn. Nach zehn weiteren Kilometern verbannte die App die Autobahn wieder aus der Route.

Der Totalausfall

Interessant ist zudem das Verhalten von Apple Maps. Nach dem Stopp hat die App das angezeigte Kartenmaterial nicht mehr vollständig geladen. Die fehlenden Ausschnitte ersetzte die Software durch gelbe Quadrate. Der Blick auf das Display um die Route zu verfolgen, war demnach obsolet. Die akustische Navigation funktionierte hingegen weiter.

Den Zwischenfällen nicht genug, warf HERE WeGo wenige Minuten später das Handtuch: Plötzlich stoppte die Navigation und das Smartphone beendete die App. Da waren also nur mehr drei Kandidaten übrig.

Die verbliebene Fahrtstrecke von etwa 15 Kilometer führte über enge Wald- und Güterwege sowie Land- und Ortsstraßen. Die Navigation an den Zielort verlief, im Gegensatz zum Rest der Route, reibungslos und ohne Probleme. Die drei verbliebenen Testobjekte brachten unseren Redakteur exakt zu seiner Destination.

Die Vier Kandidaten im Detail

1Der Alleskönner

Unter den getesteten Apps hat sich Google Maps den Titel Alleskönner redlich verdient.

Neben dem übersichtlich gestalteten Kartenmaterial und den vielen auswählbaren Restaurants oder Sehenswürdigkeiten im Umkreis des Zieles, profitiert Googles Navigationssystem von den GPS-Daten der Nutzer. Dementsprechend schnell werden zum Beispiel Unfälle und Staubildungen angezeigt.

Abgesehen von dem zeitweisen Verlust der Netzverbindung in Tunnels und dem Fehlen der Anzeige von Höchstgeschwindigkeiten bleiben die präzisen Ansagen – inklusive der Nennung von Straßennamen – sowie das wiederholte Vergrößern der Karte vor dem Kreuzungen oder Autobahnabfahrten positiv in Erinnerung.

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2Der Nachahmer

Apple investierte in den vergangenen Jahren viel Zeit, um seinen Kartendienst zu verbessern. Demnach aktualisierten Mitarbeiter unter anderem das Kartenmaterial und implementierten bekannte Features wie etwa Abfahrzeiten von Bussen und U-Bahnen. In der Theorie mag das beeindruckend klingen. In der Praxis kann bereits die Ansage des Zielorts zur Herausforderung werden. Von  Details wie den Verzicht auf Autobahnen oder dem Einfügen eines Zwischenzieles ganz zu schweigen. Warum das Programm teilweise Karten nicht lädt, bleibt ebenfalls ein Rätsel.

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4Ein Original 

Das Nüvi 66LM von Garmin funktioniert so, wie Sie es sich von einem Navigationssystem erwarten. Die Benutzeroberfläche ist übersichtlich und einfach zu bedienen. Bei der Auswahl von Points of Interest und Routenoptionen stehen dem Nutzer wahrscheinlich mehr Auswahlmöglichkeiten zur Verfügung, als er benötigt. Die Ansagen sind präzise, die Vergrößerungen der Karte passieren rechtzeitig und bei Staubildung werden zeitnah Alternativrouten gesucht. Zusätzlich bieten die Produkte von Garmin den Nutzern die Möglichkeit, die Routen zu individualisieren. Sei es durch Vermeidung von Autobahnen, sei es durch Einblenden der Höhe über dem Meeresspiegel und dem Hinzufügen von Zwischenzielen.

 

3Der Verlierer mit Potenzial

HERE WeGo macht auf den ersten Blick eine gute Figur: Die Oberfläche ist schlicht und übersichtlich, neben der Ankunftszeit kann etwa die zurückgelegte Entfernung angezeigt werden und die Ansagen sind durchaus präzise. Während der Navigation passierten jedoch Dinge, die nicht passieren sollten. Demnach wechselte die App bei der Einfahrt in einen Tunnel nicht in den Nachtmodus, schickte den Fahrer trotz Umfahrung durch einen Stadtkern, lässt (noch) keine Zwischenziele zu und fiel kurz vor dem Ziel aus.

Fazit

Wie unser Test zeigt, sind Apps nicht unbedingt die besseren Navigationssysteme. Oft laufen sie Gefahr, die Netzverbindung zu verlieren oder führen die Navigation gar nicht zu Ende. Dass unser erster Platz dennoch an Google Maps geht, mag verblüffen.

Zu dieser Entscheidung trugen neben dem aktuellen Kartenmaterial die zahlreichen Points of Interest und die Anzeige der aktuellen Verkehrssituation zu jedem Zeitpunkt bei. Außerdem war der Fakt, dass das Programm gratis ist, ausschlaggebend. Die Nachteile – fehlende Anzeige der Geschwindigkeit und der erlaubten Höchstgeschwindigkeit sowie der Verlust der Netzverbindung – lassen sich theoretisch in einem Update verarzten.

Die Silbermedaille geht an das Garmin Nüvi 66LM. Grundsätzlich ist das Gerät einfacher zu bedienen als Google Maps und besitzt die übersichtlichere Benutzeroberfläche sowie mindestens genauso viele Funktionen wie der Konkurrent. Der entscheidende Faktor war der Preis von 179 Euro, den manche nicht bezahlen möchten oder können.

Dass Apple Maps und HERE WeGo in genannter Reihenfolge auf den beiden hinteren Plätzen landen, ist ihrer mangelnden Funktionalität und den nicht integrierten Features geschuldet.

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