Report: Mobile Payment: Das Smartphone wird zur Geldbörse

Redaktion 12. Juli 2015 1 Kommentar(e)

Die Meinungen zu Mobile Payment, dem Bezahlen von Waren und ­Dienst­leistungen per Mobiltelefon, gehen weit auseinander. Die beteiligten ­Unternehmen aus den Technologie- und Finanzsektoren reden den un­mittelbaren Durchbruch seit Jahren herbei, für viele Kritiker ist Mobile ­Payment aber schlicht nicht existent. Wie steht es denn nun wirklich um Mobile Payment?

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Mobile Payment ist wie Teenager-Sex: Jeder sagt, er macht es – keiner macht es wirklich – jeder glaubt, der andere macht es – und die, die es machen, machen es richtig, richtig schlecht“. Mit diesen Worten hat Manfred K. Wolff vom Bundesverband der Dienstleister für Online­Anbieter (BDOA) einst den aktuellen Status von Mobile Payment in Deutschland beschrieben. Doch ist dies nicht nur eine Übertreibung der Pointe wegen, oder steckt da wirklich ein Funke Wahrheit drin? In der Theorie klingt Mobile Payment ja toll. Ich kann fortan alles mit dem Smartphone bezahlen. Aber in der Praxis? Ich wollte es mal am eigenen Leib ausprobieren. Nach kurzer Recherche habe ich herausgefunden, dass Edeka Mobile Payment anbietet. Also schnell die entsprechende App installiert, ein Konto eingerichtet und auf den Weg zum nächsten Edeka-Markt gemacht. Dies ist ein zugegebenermaßen sehr kleiner Markt, aber zumindest wird er in der App aufgeführt. Als ich meinen Einkauf an der Kasse mit der App bezahlen will, guckt mich die Verkäuferin an, als wollte ich einen Witz machen. Nein, ich meine das ernst. „Weeß ick gerade nich wie dit geht. Da müsste ich erst nen Kollegen fragen und sie sehn ja, wie voll dit hier ist. Hamse keen Bargeld oder ne EC-Karte dabei?“ Doch, hab ich zum Glück. Da die Schlange hinter mir nicht nur sehr lang, sondern auch zunehmend genervt von meinen Extrawünschen ist, zahle ich schnell in bar und gehe.

Häufig scheitert Mobile Payment am Unwissen der Mitarbeiter.

So schnell gebe ich mich aber nicht geschlagen. Die Handelskette REWE bietet ebenfalls Mobile Payment an. Dafür setzt sie auf den Anbieter Yapital, der auch andere Händler im Portfolio hat. Also das gleiche Spiel. App installieren, Konto einrichten und einkaufen gehen. An der Kasse weiß die Kassiererin zumindest, wovon ich spreche, auch wenn ich einen komischen Blick vom Kassenpersonal ernte. Auf dem EC-Karten-Terminal kann ich Yapital als Bezahloption auswählen, woraufhin ein QR-Code erscheint. Diesen scanne ich über die Yapital-App mit dem Smartphone ein und warte daraufhin auf die Bestätigung vom Server. Allerdings vergeblich, denn dieser REWE-Markt scheint wie ein faradayscher Käfig zu sein, der meine Mobilfunkverbindung komplett blockt. Erneut zahle ich bar und gehe unverrichteter Dinge und desillusioniert mit meinen Einkäufen nach Hause.

Mobilfunkanbieter

Alle großen deutschen Mobilfunkanbieter haben ein Mobile-Payment-Projekt gestartet. Am Anfang haben sie sogar noch zusammen bei mpass an einer einheitlichen Lösung für das Bezahlen per Smartphone gearbeitet. Inzwischen haben sich Vodafone und ­Telekom allerdings zurückgezogen, so dass nun O2 ­alleine an dem Dienst arbeitet. Alle drei ­Dienste haben allerdings gemein, dass sie wenig alltagstauglich sind.
Zum derzeitigen Stand meiner Recherche muss ich den Kritikern also Recht geben. Für den Nutzer ist Mobile Payment unglaublich frustrierend und viel zu kompliziert – jeder Anbieter kocht sein eigenes Süppchen, das mit den anderen nicht kompatibel und somit für den Nutzer ungenießbar ist. Mobile Payment ist in Deutschland also tatsächlich faktisch nicht vorhanden, aber sieht es in anderen Ländern denn besser aus?

Österreich Zeigt, wie sich Mobile­Payment sinnvoll umsetzen lässt.

VeroPay Ă–sterreich

In Österreich sieht die Sache schon ganz anders aus. Hier hat das Unternehmen Vero-Pay mit der flächendeckenden Einführung im November 2013 den Markt ziemlich umgekrempelt. Das Unternehmen beweist, dass Mobile Payment doch funktionieren kann, wenn es für den Nutzer so einfach wie möglich gestaltet und auch in möglichst vielen Handelsketten verfügbar ist. Dies ist möglich, da die Händler für die Nutzung von VeroPay keine Technologie nachrüsten müssen. Der Dienst setzt auf einen Barcode, den der Nutzer nach Eingabe einer vorher festgelegten PIN in der App selber generiert und die der Verkäufer dann ­einscannt. Dieses einfache und doch ­sichere System überzeugt immer mehr Österreicher.

Funktionierende Beispiele

Aber noch gebe ich mich nicht geschlagen. Irgendwo muss es doch auch in Deutschland funktionierende Anwendungsszenarien für Mobile Payment ­geben. Gibt es tatsächlich auch und zwar in der Branche, für die Mobilität nicht wichtig, sondern ihr Geschäfts­modell ist: die Transportbranche. Die Deutsche Bahn ist überraschend weit im Mobile-Ticketing-Bereich. Seit 2006 gibt es das Handy­Ticket für Fahrten über 50 km, das damals noch per MMS auf das Endgerät gesendet wurde, heute dank App aber deutlich einfacher zu nutzen ist und für Bahn-Verhältnisse auch erstaunlich gut funktioniert.

Aber es geht noch besser. Mit dem Pilotprojekt Touch&Travel kann man durch Berühren eines NFC-Punktes oder die Standortbestimmung per Location-Daten mit dem Smartphone den Antritt und das Ende der Reise markieren. Die App kalkuliert daraufhin den Fahrpreis. Der Gesamtbetrag wird dann einmal im Monat per Lastschriftverfahren vom Konto abgebucht. Mein erster Eindruck beim Praxistest: Funktioniert soweit ganz gut. Für Autofahrer gibt es in vielen deutschen Städten bereits Handy-Parking, also das Zahlen der Parkkosten mit dem Mobiltelefon. Hier wird allerdings nach wie vor auf die gute alte SMS gesetzt. Einige Unternehmen setzen auf Barcodes, die in einer App generiert werden, andere setzen auf eine Zahlung per NFC. ­Dabei wird über das integrierte Near-Field-Communication­Modul in den Mobiltelefonen (über die NFC-Aufkleber möchte ich an dieser Stelle lieber schweigen) und dem Kassenterminal eine Verbindung aufgebaut und auf diese Weise die Zahlung autorisiert und abgewickelt.

Wo Mobile Payment funktioniert:

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Zahlen per NFC: Die meisten Smartphones haben NFC-Chips eingebaut, die sich für Zah- lungsdienste nutzen lassen. Die Umsetzung lahmt aber. Mit den neuen Diensten Apple Pay und Samsungs LoopPay sollte Schwung in die Sache kommen.

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Zahlen per QR-Code: In REWE-Märkten und einigen weiteren Ketten bezahlen Sie mit der App Yapital
per QR-Code. Dafür ist zuerst eine Registrierung beim Anbieter nötig, das Yapital-Konto wird per Kreditkarte oder Konto-Lastschrift aufgeladen.

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PayPal: PayPal könnte den Mobile-Payment­Markt durch seine Bekanntheit stark vorantreiben, hält sich aber noch zurück, solange wichtige Fragen zur Sicherheit nicht gelöst sind.

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Mobileticketing: Bei der Deutschen Bahn ist es schon lange möglich, Tickets per Handy zu kaufen. Mit Touch&Travel geht dies auch teils im Nahverkehr.

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Kurios: Mobile Payment-Boom in Afrika/Kenia

Das weltweit führende Land bei Mobile Payment ist überraschenderweise Kenia. Dort hat der größte Mobilfunkbetreiber Safaricom 2007 den Dienst M-PESA eingeführt. Seitdem feiert dieser unglaubliche Erfolge und wird von über 17 Millionen Kenianern (immerhin zwei Drittel der Bevölkerung) genutzt. Ursprünglich war der Dienst als Mobile-Banking-Plattform gedacht, damit Nutzer Geld gegen geringe Gebühren an andere Nutzer senden können. Durch die breite Akzeptanz des Dienstes wurden zudem aber auch viele Startups gegründet, deren Geschäftsmodelle auf M-PESA basieren. M-PESA funktioniert nach dem Prepaid-System. Man kann in jeder der 65.000 Safaricom-Dienststellen Geld auf sein Konto einzahlen und dies dann an andere Personen senden. Das Geld kann man sich ebenfalls in diesen Dienststellen auszahlen lassen. Viele Faktoren, die zum Erfolg geführt haben, sind sehr spezifisch für Kenia und lassen sich nicht ohne weiteres auf andere Länder übertragen. So waren zuvor alle Methoden, Geld an andere Personen zu senden, sehr teuer und unsicher. Die Regierung hat den Dienst ohne große Regulierung gleich zu Anfang zugelassen, trotz der dominanten Marktposition von Safaricom. Und die clevere Werbekampagne („Send Money Home“) tat in dem Land, in dem die meisten Menschen in entfernten Städten arbeiten und das Geld an die Familie schicken, ihr Übriges. Weitere Faktoren lassen sich aber durchaus auf andere Länder übertragen und so feiert M-PESA auch in Tansania oder Indien erste Erfolge.

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