Samsung Galaxy Note 7 im Test

Martin Reitbauer 25. September 2016 Kommentare deaktiviert für Samsung Galaxy Note 7 im Test Kommentar(e)

Nach einem Aussetzer im Vorjahr (das Note 5 erschien in Europa ja nicht), ist Samsungs Note-Reihe zurück. Auf den Verkaufsstart folgte aber prompt eine Rückrufaktion: Vom Akku ging Brandgefahr aus.

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Der Zeitpunkt hätte für Samsung kaum schlechter ausfallen können: Nur eine knappe Woche vor der Präsentation des iPhone 7 (dem die Koreaner mit dem Release-Termin im August ja zuvorkommen wollten) begannen sich Berichte über in Brand geratene und explodierende Note 7-Exemplare zu häufen. Am 2. September zog Samsung die Reißleine und startete eine Rückrufaktion. Zumindest 0,1% der etwa 2,5 Millionen bis dahin ausgelieferten Geräte ­waren von einem Produktionsfehler im Akku betroffen. Nähere Infos gab der Hersteller nicht heraus, in den Zellen dürfte aber die Separatoren zwischen Anode und Kathode schadhaft gewesen sein, was Kurzschlüsse und eben massive Hitze- und Gasentwicklung zur Folge hatte. Allein in den USA waren zu Redaktionsschluss über 70 Fälle von abgebrannten Geräten bekannt geworden – bis dahin zum Glück ohne Personenschaden. Die Verantwortung für die Malaise liegt bei Samsung selbst: Der Batteriehersteller SDI Co., von dem die schadhaften Einheiten offenbar stammen, ist ein ­Tochterunternehmen des Konzerns.

Ab dem 19. September wurden Note-Besitzer mit Ersatzgeräten beliefert und erhielten auch das Angebot, auf das günstigere Galaxy S7 umzusteigen, unter Auszahlung des Differenzbetrags. Schade für Samsung, denn das Note 7 hatte vor dem Rückruf fast ausschließlich gute Reviews eingesackt. Vollendete Form, top Hardware-Ausstattung, exzellente Kamera und nützliche Software-Neuerungen. Auch wir schließen uns diesem Urteil weitgehend an, wie Sie im ­Folgenden lesen können.

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Vierkanter

Das Note 7 setzt den Samsung-Trend zur runden Kante fort. Sowohl vorne als auch hinten ist das Deckglas an den Längsseiten gewölbt, wie das auch schon beim S7 Edge der Fall war. Der Alu-Rahmen, mit dem die Glas-Panels eingefasst sind, ist seitlich nur noch etwa 3 mm stark. Das ist gerade genug Platz, um die Buttons für On/Off und Lautstärke unterzubringen (die sich übrigens durch einen sehr knackigen Druckpunkt auszeichnen).

Trotz 5,7 Zoll-Bildschirm: Ein erstaunlich kompaktes Glas-Gehäuse

Die Schächte für SIM/SD-Karte und den Eingabestift liegen an der etwas breiteren Ober- und Unterseite des Metallrahmens. Das Note 7 ist genau gleich hoch, aber fast 5 mm schmäler als das Note 4, die letzte Ausgabe von Samsungs Phablet, die in Europa erschienen ist. So fühlt sich das Note 7 sehr kompakt an – dank der schmalen Ränder ist es trotz 5,7 Zoll-Bildschirm zum Beispiel kaum größer als das OnePlus 3 oder das LG G5 und deutlich kleiner als das iPhone 7 Plus – obwohl die Bildschirme dieser Konkurrenten nur 5,3 bis 5,5 Zoll messen.

Entsperren per Augenaufschlag

Über dem Display sitzt ganz unauffällig jener kleine Sensor, der bei der Vorstellung des Note 7 die meiste Aufmerksamkeit erhielt: Das Modul zur Iris-Erkennung, das auf Wunsch als biometrischer Ersatz für den Fingerabdruck den Bildschirm entsperrt. Eingerichtet und angelernt wird der Scanner ähnlich wie der Fingerprintsensor. Man hält das Gerät in ca. 30 cm Entfernung vors Gesicht und blickt in den Bereich der Frontkamera. Dort sitzt ein Infrarot-Emitter und -Sensor, der die Augen abtastet. Vom Umgebungslicht ist die Sache daher unabhängig, der Sensor funktioniert auch im Dunkeln. Nach einer kurzen Einübung klappt das Entsperren recht gut – auch mit dicken Brillen (von denen Samsung bei der Nutzung des Sensors genauso abrät wie von Kontaktlinsen). Allerdings muss der Nutzer vor dem Blick Richtung Sensor auf dem Display nach oben wischen – es sind zum Entsperren also zwei Handlungen nötig. Das macht die Sache wesentlich langsamer. Wer stattdessen den Fingerabdrucksensor nutzt, ist in der halben Zeit am Startbildschirm.

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HDR-Display

Das Display des Note 7 ist wie gewohnt vom Typ AMOLED und bietet hohe Kontraste, einen perfekten Schwarzwert und starke Farben. Der Nutzer kann den Farbraum umstellen („AMOLED-Kino“), womit sich das Note 7 sogar für HDR-Inhalte wie bei modernen 4K-Fernsehern qualifiziert. Sehr angenehm ist auch ein zuschaltbarer Blaufilter, der die Augen zu später Stunde weniger belastet. Die kolportierte maximale Helligkeit von über 1000 cd/m² konnten wir mit unseren Messungen zwar nicht nachvollziehen, das Display ist aber mehr als hell genug. Die Auflösung beträgt (wie auch beim Galaxy S7) QHD, also 2560×1440 Pixeln, das bedeutet eine Pixeldichte von 518 Punkten pro Zoll. Die hohe Schärfe bringt im Alltag keinen großen Gewinn – inzwischen hat sich das herumgesprochen. Samsung zielt damit aber auf VR-Anwendungen ab, bei denen die Anforderungen an den Bildschirm durch die kurze Distanz zum Auge und die Lupenlinsen in der Halterung sehr viel höher sind. Gemeinsam mit dem Note 7 wurde denn auch eine neue Version von Samsungs VR-Brille „Gear VR“ vorgestellt, die den Blickwinkel vergrößert und ganz schwarz gefärbt ist, um den Einfall von Fremdlicht zu minimieren.

Spitzen-Hardware à la S7

Auf die Rechner-Hardware wollen wir hier nur ganz kurz eingehen: Sie ist weitgehend die gleiche wie im Galaxy S7. In Europa wird das Note mit dem Exynos 8890 Octa-Prozessor ausgeliefert, der Zugriff auf 4 GB RAM hat und ebenso wie die Grafikeinheit im Benchmark Spitzenergebnisse erzielt. Entsprechend Spitze ist die Performance, das geschulte Auge erkennt aber leichte Ruckler in vielen Animationen der Bedienoberfläche TouchWiz – Samsungs eigener Launcher frisst offenbar zu viele Ressourcen.
Ebenso wie die meiste Hardware stammt auch die Kamera des Note 7 aus dem S7 – und zu dieser ist ja schon alles gesagt: Mit der hohe Schärfe, Detailtreue und Lichtstärke, dem schnellen Autofokus ist sie derzeit kaum zu toppen.

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Endlich USB-C

Lange hat Samsung gezögert, nun ist es so weit: Das Note 7 ist das erste Smartphone der Koreaner mit dem USB-C Anschluss. Der verdrehsichere Stecker macht damit einen weiteren Schritt zum universalen Ladeport. Mit der verwendeten Schnelladetechnik – Qualcomm Quick Charge 3.0 – erweist Samsung der USB-Norm allerdings einen Bärendienst. Die hier angesetzten Spannungen und Ströme sind in der USB-Spezifikation (USB Type-C Current oder Power Delivery) nicht vorgesehen. Trotz des einheitlichen Steckers bleiben die Ladegeräte also uneinheitlich. Immerhin unterstützt das Note 7 aber die schnelle Datenübertragung per USB 3.1 – was bei Smartphones mit Typ-C-Stecker bisher die große Ausnahme ist. Die Akkulaufzeit fiel in unseren Tests (Ergebnisse siehe Kasten rechts) gemischt aus. Obwohl der Akku stattliche 3.500 mAh fasst, schafften wir beim Websurfen und 3D-Spielen nur durchschnittliche Ergebnisse. Nur die Laufzeit beim Video-Streaming ist top.

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Wasserdicht

Obwohl der neue USB-Port (wie auch die Kopfhörerbuchse) ohne Abdeckung auskommt, ist das Note 7 wieder wasser- und staubdicht nach IP68. Eine vielbeachtete (wenn auch völlig unnütze) Innovation in diesem Zusammenhang ist die Unterwasser-Tauglichkeit des Eingabestifts S-Pen, der nun über eine feinere Spitze verfügt.

S-Pen und Samsung Notes

Wie schon beim in (D-A-CH nicht erschienenen) Vorgänger Note 5 hat der Stylus („S-Pen“) einen Druckknopf wie ein Kugelschreiber. Dieser entriegelt den Stift, wenn er im Gerät steckt, beim Herausnehmen werden je nach Situation verschiedene Aktionen gestartet. Geschieht es bei aktiviertem Bildschirm, meldete sich das bekannte Pop-Up-Menü mit „Air Commands“ (siehe auch Screenshot links). Neu ist hier eine Lupenfunktion, die den Bildschirmbereich unter der Stiftspitze vergrößert, um das Lesen zu vereinfachen. Und ein Übersetzungstool lässt den Nutzer einzelne Wörter mittels Stift markieren und in andere Sprachen übertragen. Zieht man den Stift bei abgeschaltetem Display, kann man mittels „Screen Off-Memo“ eine Notiz verfassen und sie bei Bedarf an den Sperrbildschirm anheften. Für die Verwaltung der Notizen ist nun der neue Dienst „Samsung Notes“ zuständig, der S-Note und die App „Memo“ ablöst. Notizen lassen sich hier in Kategorien ordnen, mit Erinnerungen versehen oder durch Passwort bzw. Fingerabdruck / Iris schützen.

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Secure Folder für private Inhalte

Der Schutz der Privatsphäre geht beim Note 7 aber weiter, als nur die Notizen zu verschlüsseln. Mit dem „Secure Folder“ schafft Samsung einen komplett abgekapselten Speicherbereich, in dem der Nutzer eine geschützte Galerie, Kamera, Kontaktdatenbank anlegen, separate E-Mail-Konten abrufen und Dateien speichern kann. Außerdem lassen sich hier Apps installieren, die entweder nur in diesem sicheren Container verfügbar sind oder sowohl „drinnen“ als auch „draußen“ – mit getrennten Nutzerdaten. Zum Herunterladen der „geheimen“ Apps kann auch ein zweiter Google-Account genutzt werden. Netter ­Nebeneffekt: Man kann z.B. zwei Dropbox- oder Facebook-Accounts nutzen, was bisher nur mit einem komplett separaten Android-System-Nutzer möglich war.

Der gesamte sichere Bereich lässt sich mit einem eigenen Passwort sperren, das vom Passwort der Bildschirmsperre unabhängig ist. Alternativ dient zum Öffnen des Folders ein Fingerabdruck oder Iris-Scan. So lässt sich ein formidables Doppelleben führen – man kann sein Gerät auch mal einem Freund oder Kollegen überlassen, ohne die wirklich privaten Dinge aus der Hand zu geben. Wer‘s ganz obskur mag, kann den sicheren Ordner sogar ausblenden – er ist dann nur noch übers Einstellungsmenü zugänglich. Und um das Abgreifen von Daten zu verhindern, lässt sich die Eingabemethode im sicheren Ordner ändern – Sie können z.B. „Swype“ im normalen System verwenden und die Samsung-Tastatur für Eingaben im sicheren Ordner. Samsung hat an alles gedacht.

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Fazit

Die dramatischen Produktionsfehler beim Akku sind ein schwerer Rucksack für das sonst wahrscheinlich beste Smartphone, das Samsung je gebaut hat. Wer ein Gerät aus der neuen Charge kauft (die Modelle mit explosivem Akku sind mittlerweile ja vom Markt), bekommt ein kompaktes Phablet mit der besten Hardware-Ausstattung und Kamera, die derzeit am Markt erhältlich ist. Die wasserdichte Bauweise, die neuen S-Pen-Funktionen und der neue „Secure Folder“ bieten einen willkommenen Mehrwert. Nur bei den Laufzeiten zeigt das Note 7 punktuelle Schwächen.

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Martin Reitbauer   Chefredakteur

Als Chefredakteur von Android Magazin und der Plattform-agnostischen Zeitschrift SMARTPHONE ist Martin hauptsächlich mit den Print-Magazinen des Verlags hinter androidmag.de beschäftigt. Ab und an bleibt dennoch Zeit für einen Blog-Artikel. Neben Android gilt seine Begeisterung GNU/Linux und freier Software ganz allgemein.

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