Technik: Das OnePlus 3 im Test

Martin Reitbauer 10. Dezember 2016 Kommentare deaktiviert für Technik: Das OnePlus 3 im Test Kommentar(e)

High-End-Qualität zum Billigpreis  – das verspricht das chinesische Start-Up OnePlus. Beim dritten Smartphone des Herstellers hält das Ehrenwort.

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Das chinesische Startup OnePlus ist erwachsen geworden, so scheint es. Vorbei sind die Tage, als prospektive Käufer im Netz nach „Invites“ luchsen mussten, um nach langer Lieferzeit eines der begehrten Billig-Flaggschiffe in Händen zu halten. Die 2013 gegründete Firma, die zum größten Teil im Besitz des etablierten Herstellers OPPO steht, hat die Produktionskette mittlerweile gut genug im Griff, um flexibel auf die Nachfrage reagieren zu können statt die Aufträge häppchenweise abzuarbeiten. Ihr Sitz in der südchinesischen Provinz Guangdong ist dabei äußerst hilfreich. Anlagen, Expertise, Arbeitskräfte konzentrieren sich hier auf kleinstem Raum – es ist die Werkbank der Welt.

Neue Qualität

Schon rein äußerlich ist das OnePlus stark gereift. Beim Vorgänger bestand nur der Rahmen aus Metall, dieses Mal ist die ganze Gehäuseschale aus Aluminium gefräst. Mit der flachen, geschwungenen Formgebung und den in die Rückseite eingelassenen ­Antennenstreifen aus Kunststoff erinnert es an das HTC One M7 von 2013 bzw. seine Nachfolger. Die Metalloberfläche ist mattiert und vermittelt sehr wenig Haftung. OnePlus bietet (wohl auch deshalb) eine Auswahl von Cases an, die sich auf die Rückseite klipsen lassen und auch die Seiten schützen. Neben verschiedenen Hölzern und Karbon steht auch wieder die Variante „Sandstein“ zur Auswahl, die vom Vorgänger bekannt ist.

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Trotz des vielen Metalls ist das OnePlus 3 leichter als sein vorgänger

Angenehmer Nebeneffekt der Cases: Der dicke Kamera-Hubbel verschwindet darin, das Gerät liegt flach auf. Trotz des vielen Metalls ist das OnePlus 3 fast 20 Gramm leichter als jenes der zweiten Generation. Der Bildschirm ist gleich groß (5,5 Zoll) und löst nach wie vor mit Full HD auf. Bei der Panel-Technik setzt OnePlus nun aber erstmals auf AMOLED. Die Bildschirme werden (wie bei vielen anderen Herstellern auch) von Samsung zugeliefert. Der Ausdruck „Optic AMOLED“, den der Hersteller verwendet, dürfte aber nur Marketingzwecken dienen – abgesehen von einigen Änderungen bei Kontrast und Farbtemperatur handelt es sich um Super AMOLED.

Hell und farbkräftig

In unseren Messungen zeigte sich das Panel mit maximal 532 cd/m² überdurchschnittlich hell. Die Leuchtkraft ist zwar etwas ungleichmäßig verteilt (im unteren Bildschirm­drittel beinahe 20% niedriger als ganz oben), mit freiem Auge fällt das aber nicht auf. Durchaus auffällig sind aber die guten Schwarzwerte und die kräftigen Farben, deren Temperatur sich in den Einstellungen ändern lässt. Etwas Kritik gab es an der Farbkalibrierung, die OnePlus verwendet – ein weiterer Punkt, der dem (arglosen) freien Auge kaum auffällt. Der Hersteller hat in einem kürzlichen Update einen Schieber in die Entwickleroptionen eingebaut, mit dem sich der Farbraum auf das übliche sRGB einschränken lässt.

Fingerprint-Sensor: Hui!

Direkt unter dem Bildschirm sitzt ein weiteres Highlight des Billig-Flaggschiffs: der Fingerabdrucksensor in der kapazitiven Home-Taste. Dieser ist nicht nur deutlich zuverlässiger und schneller als der des Vorgängers, er lässt in puncto Geschwindigkeit auch die Konkurrenz weit hinter sich. Ein Vergleich mit Samsungs Galaxy S7, dem Nexus 5X und dem iPhone 6S lässt keinen Zweifel: Es ist derzeit der beste Fingerabdrucksensor auf dem Markt.

Neu in der Ausstattungsliste ist ein NFC-Modul, mit dem OnePlus ein grobes Versäumnis beim Vorgänger bereinigt, der ja ohne NFC auskommen musste. Ansonsten ist alles an Bord, was man von einem High-End-Gerät erwartet: Gefunkt wird mit Bluetooth 4.2, schnellem WLAN ac und LTE Cat. 6. Letzteres schafft 300 MB Down und 50 MB Up, wenn es der Mobilfunkvertrag erlaubt. Dabei wird auch das in vielen Gegenden dringend nötige LTE-Band 20 (800 MHz) unterstützt, was bei China-Importen ja nicht immer der Fall ist. Wie auch seine zwei Vorgänger bietet das OnePlus 3 Platz für zwei SIM-Karten, die Nutzung der Karten lässt sich für Daten, Telefonie und SMS getrennt festlegen.

Speicher: „Nur“ 64 GB

Anders als in den ersten beiden Generationen gibt es das OnePlus 3 nur in einer einzigen Speichervariante: 64 GB. Die Einsteigerversion mit 16 GB ist also weggefallen. Speichererweiterung per microSD gab es bei OnePlus noch nie – mit 64 GB sollten aber ohnehin die meisten Käufer ihr Auslangen finden. Außerdem ist der Onboard-Speicher dank UFS 2-Technik deutlich schneller als eine Erweiterungskarte.

Performance

Wie die meisten Smartphones der aktuellen Flaggschiff-Riege baut das OnePlus 3 auf Qualcomms Systemchip Snapdragon 820 mit zwei Rechenkernen à 2.15 GHz und zweien à 1.6 GHz. Die neue CPU ist ein großer Fortschritt gegenüber dem Vorgänger, in dem der unglückselige Snapdragon 810 verbaut war. Der hatte zwar acht Kerne, überhitzte aber so schnell, dass OnePlus sich gezwungen sah, die vier stärkeren davon in manchen Situationen einfach abzuschalten. Das senkte z.B. die Performance beim Websurfen stark. Keine Spur davon in der neuen Generation: Anwendungen laden rasend schnell, der Wechsel zwischen Apps ist oft beinahe verzögerungsfrei und auch unter Last bleibt die Performance lange stabil. Im Grafik-Benchmark GFXBench stellt das Gerät einen neuen Bestwert auf.
An den hohen Leistungsreserven sind neben dem Prozessor und dem schnellen Gerätespeicher auch die 6 GB RAM beteiligt. Ein anfänglicher Bug im RAM-Management (um Akku zu sparen, wurden Apps im Hintergrund allzu schnell aus dem Speicher geworfen) ist mittlerweile per Update behoben.

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Kamera

Die schwache Kamera war einer der stärksten Kritikpunkte am „Flaggschiff-Killer“ der zweiten Generation – der Autofokus hatte Probleme bei schlechtem Licht, die Bildverarbeitung rechnete Details platt, die Fotos gerieten oft matschig. Für die Neuauflage hat OnePlus die Kamera gründlich überarbeitet. Die Auflösung steigt von 13 auf 16 MP, statt eines Sensors von OmniVision wird nun der Sony IMX 298 verbaut, der z.B. auch im Xiaomi Mi 5 oder Huawei Mate 8 arbeitet. Obwohl die Sensorfläche kleiner als beim Vorgänger ist, gelingen nächtliche Aufnahmen deutlich rauschärmer, Fotos bei Tageslicht zeigen erheblich mehr Detail und Schärfe. Im Vergleich mit der aktuellen Top-Kamera – jener von Samsungs Galaxy S7 – zeigt sich aber Luft nach oben: noch größere Lichtstärke, noch mehr Schärfe. Für 5 Punkte in der Kamera-Wertung reicht es dennoch. Eine kleine Strecke mit Testfotos finden Sie unter bit.ly/op3fotos.

„Dash Charge“

Der Akku des OnePlus 3 ist im Vergleich zum Vorgänger etwa 10% geschrumpft. Kurioserweise haben sich die Laufzeiten trotzdem sehr deutlich nach oben entwickelt. Besonders beim Video-Streaming und 3D-Spielen liegt das Gerät weit vorne in unserem Ranking – 80 bis 90 Prozent der getesteten Gerät liefen hier weniger lang. Die genauen Laufzeiten finden Sie in der Tabelle rechts.
Ist der Akku einmal leer, lässt er sich mit OnePlus‘ Ladetechnologie „Dash Charge“ rasend schnell wieder aufladen. Es handelt sich dabei um eine Variante von OPPOs „VOOC Flash Charge“, die bis zu 4 Ampere bei 5 Volt in den Akku pumpt. Unsere Zeitnehmung ­(siehe Abbildung S. 43) bestätigte die 63% in 30 Minuten, die der Hersteller verspricht – so schnell lädt derzeit kein anderes Smartphone. Der Haken an der Sache: Zum schnellen Laden braucht es nicht nur den Original-Ladeadapter sondern auch ein Original-Ladekabel. Mit einem normalen USB-C-Ladegerät (5 Volt und maximal 3 Ampere) lädt das OnePlus 3 nur etwa halb so schnell und auch ein Ladegerät mit Qualcomms Quick Charge bringt keinen Geschwindigkeitsvorteil.

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Software: Android 6 Plus

Oneplus‘ Software-Oberfläche Oxygen OS basiert in der Version 3.2.1 auf Android 6.01 Marshmallow und enthält punktuell sehr nützliche Erweiterungen. So lassen sich verschiedene Aktionen mit Gesten auf dem deaktiviertem Bildschirm durchführen – ein mit dem Finger gemaltes „O“ startet etwa die Kamera, ein „V“ aktiviert die Taschenlampe.

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OxyGen OS: Nahe an AndTechniroid Marshmallow, nützliche erweiterungen

Außerdem lässt sich der „Nicht stören“-Modus etwas genauer einstellen als im „nackten“ Android – zum Wechseln zwischen den Stumm-Modi (Alle Benachrichtigungen – Priorität – Stumm) hat das Gerät einen physischen Schieberegler an der linken Gehäuseseite. Und Nachteulen werden sich über ein Feature freuen, das Google sowohl für Android Marshmallow als auch für das kommende Android 7 „Nougat“ zuerst geplant und dann wieder verworfen hat: Der „Nacht-Modus“ sorgt für wärmere Farben, damit kurzwelliges Bildschirmlicht den Schlafrhythmus nicht stört. Schade nur, dass er sich nicht nach Zeitplan aktivieren lässt.

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Fazit

Das OnePlus 3 beseitigt die meisten Schwächen des Vorgängermodells und muss sich dem derzeitigen Frontrunner Samsung Galaxy S7 nur knapp geschlagen geben: Bei der Leistung ist es sowohl gemessen als auch gefühlt gleichauf oder besser. Der Fingerprint-Sensor entsperrt deutlich schneller und die Software ist sehr viel schlanker. Für den fehlenden microSD-Slot entschädigen der üppige Onboard-Speicher und Extras wie Dual-SIM und das blitzschnelle Ladeverfahren „Dash Charge“. Nur bei Kamera und Laufzeiten fällt der chinesische Flaggschiff-Killer leicht hinter den Primus zurück – beides ist aber immer noch sehr gut zu bewerten. Die 399 Euro, die OnePlus im Direktvertrieb verlangt, sind also ein erstklassiges Schnäppchen. Bleibt nur zu hoffen, dass die Chinesen ihre Hausaufgaben bei den Software-Updates machen: Besitzer des Vorgängermodells mussten auf die damals neueste Android-Version (Marshmallow) ganze 8 Monate warten.

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Martin Reitbauer   Chefredakteur

Als Chefredakteur von Android Magazin und der Plattform-agnostischen Zeitschrift SMARTPHONE ist Martin hauptsächlich mit den Print-Magazinen des Verlags hinter androidmag.de beschäftigt. Ab und an bleibt dennoch Zeit für einen Blog-Artikel. Neben Android gilt seine Begeisterung GNU/Linux und freier Software ganz allgemein.

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