Entwickler Portrait: Interview mit Jens Kammerer und Benjamin Roth Macher von „Jaumo“

Martin Reitbauer 1. Juni 2014 0 Kommentar(e)

Das deutsche Flirt- und Chat-Netzwerk „Jaumo“ hat jüngst die Marke von 1 Million Mitgliedern überschritten und gewinnt derzeit täglich 10.000 Nutzer hinzu. Die Macher, Jens Kammerer und Benjamin Roth aus Stuttgart, sind ehemalige WG-Kollegen, die einst das soziale Netzwerk „Kwick!“ schufen. Bis heute arbeiten sie zu zweit.

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Was hat den aramäischen Namen „Jaumo“ inspiriert? Es war doch wohl nicht dieser Mel Gibson-Film über die Passion Christi?

Die aramäische Sprache ist durch diesen Film zwar sehr viel bekannter geworden, aber das war nicht unsere Inspirationsquelle. Meine Frau ist Aramäerin und mir hat das Wort und dessen positive Bedeutung „neuer Tag“ oder „Sonnenaufgang“ sehr gut gefallen. Wir finden, das passt zu unserem Projekt, da ein Flirt auch der Beginn von etwas Neuem und Großartigem sein kann. „Jaumo“ ist kurz, einprägsam und einfach auszusprechen. Ein weiterer Vorteil war, dass alle Domains dazu noch frei waren und es keinerlei Markenrechtskolllisionen gab. So ist die Entscheidung für „Jaumo“ als Namen in sehr kurzer Zeit gefällt worden.

Vor Jaumo haben Sie am Sozialnetzwerk „Kwick!“ gearbeitet, das vor allem in Süddeutschland sehr erfolgreich war. Lieferte der Verkauf der Plattform im Jahr 2011 das Startkapital für das neue Projekt?

Wir haben zu Beginn des Jahres 2011 mit den ersten Arbeiten zu Jaumo begonnen. Der Verkauf unserer vorherigen Firma war schließlich im Herbst 2011. Das Startkapital zu Jaumo haben wir zu viert aufgebracht: Mitgesellschafter sind die beiden Betreiber des sozialen Netzwerkes „Jappy“, die wir vor vielen Jahren auf Konferenzen zum Thema Social Networks kennengelernt haben. Wir vier haben eine ähnliche Entwicklung hinter uns und haben uns daher auf Anhieb sehr gut verstanden.

Die Anfänge für eine Dating-Plattform sind sicher schwierig – ohne eine bestehende Nutzerbasis sind neue Nutzer schwer zur Anmeldung zu motivieren. Wie hat Jaumo diese Hürde genommen?

Die Anfangszeiten sind für jedes soziale Netzwerk eine besondere Herausforderung. Als Betreiber muss man es in kurzer Zeit schaffen, so viele Mitglieder an das Netzwerk zu binden, dass Neumitglieder sich nicht gleich wieder abmelden, weil sie nicht genügend Ansprechpartner finden. Dabei haben Flirt-Apps noch die Besonderheit, dass für jedes Geschlecht in jeder Region und Altersgruppe genügend Mitglieder vorhanden sein müssen, die idealerweise auch noch alle zeitlich online sind.

Bei vielen Mitgliedern ist es zudem so, dass das Interesse am Flirten sich meist nur über einen überschaubaren Zeitraum erstreckt und auch schnell wieder verloren geht, wenn man zum Beispiel eine feste Beziehung eingeht. Mit einem erfolgreichen Dating-Produkt sorgt man also selbst dafür, dass sich Mitglieder wieder abmelden und sich ihrem neuen Liebesglück hingeben. Eine kritische Masse wird je nach Zielgruppe daher meist erst jenseits der 500.000 Mitglieder erreicht.

Wir hatten zu Beginn die Möglichkeit, aus unseren beiden bestehenden sozialen Netzwerken passende Mitglieder für Jaumo zu gewinnen, so dass wir schon nach wenigen Tagen mehrere Tausend Mitglieder hatten. Als wir mit unserer Webseite im Sommer 2011 online gegangen sind, waren zeitgleich sieben weitere Mitbewerber gestartet, die ähnliche Konzepte hatten. Dies hatte den Start in dem ohnehin schon überlaufenen Markt erschwert. Umso mehr freuen wir uns, dass wir uns als eines der ganz wenigen Angebote durchsetzen konnten und heute erfolgreich sind.

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Arbeiten tatsächlich nur zwei Personen an der Entwicklung von Jaumo?

Ja, wir sind tatsächlich nur zu zweit. Das macht Jaumo zu einer sehr schlanken Firma und verschafft uns viele Vorteile –  aber auch tägliche Herausforderungen unseren eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Nur beim Support haben wir Unterstützung, sonst wäre eine Betreuung der Seite rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche gar nicht möglich. Wir haben aktuell eine durchschnittliche Reaktionszeit von 8,7 Stunden über die verschiedenen Kanäle wie E-Mail, Facebook, Twitter oder direkt auf Jaumo als Nachricht an mein Profil „Jens“. Einen Teil der Anfragen beantworte ich selbst, da mir die Nähe zu den Mitgliedern und das direkte Feedback sehr wichtig ist.

Das Besondere an der Entwicklung bei Jaumo ist, dass wir drei Plattformen bedienen: Android, iOS und die Webseite, die auf PHP basiert. Jede Änderung und jede neue Funktion muss daher für alle drei Systeme angepasst und zugänglich gemacht werden. Wir haben es trotzdem bislang fast immer geschafft, im Schnitt etwa ein größeres Feature-Release pro Monat zu veröffentlichen und meist noch ein bis zwei weitere Updates für kleinere Fehlerbehebungen oder Verbesserungen. Dies ist möglich, da wir schon seit über 13 Jahren zusammenarbeiten und ein eingespieltes Team sind. Die Aufgaben sind bei uns sehr genau verteilt, wir haben sehr kurze Kommunikationswege und wir stehen uns nicht gegenseitig im Weg. Wir arbeiten agil mit kleineren Produktinkrementen und haben einen hohen Automatisierungsgrad für die Entwicklung und den Betrieb der Seite. Durch die praktische Erfahrung aus vielen Jahren im Bereich der sozialen Netzwerke müssen wir auch so manches Rad nicht neu erfinden und versuchen meist auch bekannten Problemen konsequent aus dem Wege zu gehen.

Derzeit melden sich täglich 10.000 neue Mitglieder bei Jaumo an. Wie hat sich das Wachstum in den zwei Jahren davor entwickelt?

In der Anfangszeit war das Wachstum noch vergleichsweise verhalten, da wir nur eine Webseite mit wenig Funktionen hatten. Wir hatten uns zuerst sehr stark auf das Thema Partnersuche/Singlebörse konzentriert und hatten einige Monate gebraucht, bis wir Apps für Android und iOS veröffentlichen konnten. Hier hat uns zu Beginn das Know-How gefehlt, da wir uns davor fast ausschließlich mit der Entwicklung und dem Betrieb einer Webseite beschäftigt hatten. Im April 2012 ist dann endlich auch die Android Version erschienen, welche zu einem stärkeren Wachstum von Jaumo geführt hat. Den Durchbruch haben wir im Herbst letzten Jahres erreicht, als die Neuregistrierungen stetig von durchschnittlich 2.000 pro Tag auf 5.000 und mehr gestiegen sind.

Wir sind sehr stolz, dass wir mit der Jaumo Android App in Google Play 4,51 Sterne bei 40.000 Bewertungen und über einer Million Installationen haben. Damit haben wir die beste Bewertung aller uns bekannten Flirt- und Dating Apps inne. Wir möchten uns aber auf diesem Erfolg nicht ausruhen, sondern arbeiten mit viel Herzblut und Freude weiter an unserer Mission, den besten Flirt-Chat der Welt zur Verfügung zu stellen.

Schon wenige Monate später melden sich heute täglich im Durchschnitt etwa 10.000 Mitglieder an, was abhängig vom Wochentag ist. Erst vor kurzem haben wir die Million Mitglieder-Marke geknackt. Wir sind jetzt in über 30 Ländern in der Top 100 der Kategorie „Soziale Netzwerke“ und auf Platz 200 aller Applications in Deutschland. Das tolle Feedback unserer Mitglieder und die bisher erreichen Ziele sind für uns ein großer Ansporn nun das nächste große Ziel anzupeilen und Jaumo in weiteren Ländern bekannt zu machen.

EINE KRITISCHE MASSE WIRD JE NACH ZIELGRUPPE MEIST

ERST JENSEITS DER 500.000 MITGLIEDER ERREICHT.

Ein Problem, mit dem viele Singlebörsen kämpfen ist der Männerüberschuss. Wie schlimm ist’s bei Jaumo?

Auch bei Jaumo gibt es mehr Männer als Frauen. Wir sind der Meinung, dass dies bei allen Flirt-Seiten so ist und wollen hier auch gar nichts beschönigen. Die Frauenquote bei Jaumo beträgt 35 %, was unserer Meinung nach einen überdurchschnittlichen Wert im Bereich der kostenlosen Dating-Angebote darstellt.

Natürlich arbeiten wir daran, dass sich das Verhältnis Männer zu Frauen stetig verbessert. Wir haben auch einige Funktionen integriert, die dafür sorgen, dass einzelne Mitglieder nicht zu viele neue Nachrichten erhalten und Mitglieder mit wenigen Nachrichten höhere Chancen haben, gefunden zu werden. Genau diese feine Abstimmung ist eines unserer Erfolgsrezepte, welches Jaumo ideal zum Kenennlernen von neuen Leuten macht.

Verhalten sich iPhone- und Android-User im Dating-Pool anders? Kommt es vereinzelt vielleicht gar zu Kontakten zwischen diesen Gruppen?

Wir denken, dass es den Mitgliedern völlig egal ist, ob der Flirt-Partner gerade mit einem iPhone 5 auf Jaumo unterwegs ist oder die App auf seinem Samsung S4 nutzt. Wir haben das Angebot so gestaltet, dass man auf allen drei Plattformen alle Funktionen zur Verfügung hat und diese sich auch transparent nutzen lassen.

Aus Betreibersicht sehen wir schon Unterschiede zwischen beiden Nutzergruppen. iOS-User sind eher bereit Geld auszugeben, auch wenn dieser Effekt in den letzten zwei Jahren abgenommen hat. Bei Android-Nutzern sind die Akquisitionskosten immer noch geringer. Bei der Aktivität konnten wir keine Unterschiede feststellen: auf allen drei Plattformen wird fleißig geschrieben und geflirtet.

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Nimmt Jaumo Rücksicht auf die Dating-Kulturen in den verschiedenen Ländern? Die Unterschiede von Island bis China sind ja zum Teil beträchtlich.

Nein, wir nehmen darauf bislang keine Rücksicht. Jaumo hat in allen angebotenen 15 Sprachen den gleichen Funktionsumfang. Wir sehen Jaumo auch nicht als App für die reine Partnersuche sondern als den ersten „Flirt Messenger“ der Welt. Im Vordergrund steht also die lockere Kommunikation zwischen den Mitgliedern mit den Vorteilen eines mobilen Messengers wie zum Beispiel WhatsApp in Verbindung mit Funktionen zum Entdecken von neuen Leuten in der Nähe. Das ganze ist anonym ohne dass man seine Handynummer oder Identität preisgeben muss. Wir sehen dies als eine Grundvoraussetzung, um sorgenfrei und sicher zu flirten.

Der Film „Catfish“ hat schon im Jahr 2010 das Problem von frei erfundenen Online-Dating-Identitäten ins öffentliche Blickfeld gerückt. „To catfish“ ist in den USA mittlerweile gar ein Verb. Ist das bei Jaumo ein Thema?

Gefälschte Identitäten findet man wohl überall im Internet. Jedes nachhaltig betriebene soziale Netzwerk muss hier entsprechende Maßnahmen verankert haben, damit alle anderen vor solchen Betrügereien geschützt sind. Wir überprüfen alle Profilbilder auf Jaumo und schauen dabei auch, ob die Bilder anderswo im Netz bereits verwendet werden. Wir haben von Anfang dem Thema sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet und hierbei unsere Erfahrung einfließen lassen. Entsprechend gering sind unsere Probleme damit.

Eine noch größere Gefahr ist „Romance-Scamming“? Worum geht es da, und was tut Jaumo dagegen?

Romance Scammer sind Internetbetrüger, die mit gefälschten Profilen in Singlebörsen unterwegs sind und Verliebtheit vorgaukeln. Man kann von modernen Heiratsschwindlern sprechen, die das Ziel haben, an das Geld der Opfer zu kommen. Hierbei geben sich die Scammer mit geklauten Profilbildern zum Beispiel als Krankenschwestern, Ingenieure oder Lehrer aus, die mit  herzzerreißenden Geschichten über verstorbene Ehemänner, kranke Kinder oder sonstigen Unglücksfällen meist Geld erbetteln. Es ist ein globales Problem, welches durch günstigere Zugangsmöglichkeiten und der Verbreitung des Internets in Afrika immer größer wird. Die meisten Scammer kommen aus bekannten Ländern wie Ghana oder Nigeria, wo sich ein regelrechtes Business daraus entwickelt hat. Den Schaden beziffert das FBI auf mindestens 50 Million Dollar pro Jahr.

Bei Jaumo sind eine Vielzahl von Abwehrmaßnahmen integriert, die verdächtiges Verhalten erkennen und betroffene Profile umgehend isolieren. Wir haben sehr viel Energie und Know-How in diesen Bereich einfließen lassen, weil durch die Unterwanderung durch Scammer einem sozialen Netzwerk ein großer Schaden hinzugefügt werden kann. Wir sehen dies als Problem bei den großen Mitbewerbern von Jaumo. Wer möchte schon nach einigen Wochen hoffnungsvollem Flirten feststellen, dass man sich die ganze Zeit mit einem kriminellen Betrüger unterhalten hat? Wie wir das ganz genau machen ist natürlich Betriebsgeheimnis. Neben den Automatismen setzen wir auch auf aufmerksame Mitglieder, die uns solche Profile melden. In unserem Blog sind Tipps zum Erkennen von verdächtigen Profilen zu finden.

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Martin Reitbauer   Chefredakteur

Als Chefredakteur von Android Magazin und der Plattform-agnostischen Zeitschrift SMARTPHONE ist Martin hauptsächlich mit den Print-Magazinen des Verlags hinter androidmag.de beschäftigt. Ab und an bleibt dennoch Zeit für einen Blog-Artikel. Neben Android gilt seine Begeisterung GNU/Linux und freier Software ganz allgemein.

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